TEIL 4
Anton blieb mitten im Wohnzimmer stehen.
Die Sirenen verstummten unten vor dem Haus, aber in meinem Kopf hörte ich sie weiter.
„Welche Aufnahme?“, fragte er.
Der Beamte drehte das Tablet zu ihm.
„Sie haben heute Nachmittag versucht, den Rechner Ihrer Firma zu leeren. Dabei wurde die Sicherheitskopie eines Gesprächs erstellt.“
Anton sah zu Lena.
„Das ist ein Missverständnis.“
„Nein“, sagte Lena. „Das ist der Teil, den Sie bisher vergessen haben.“
Der Beamte drückte auf die Wiedergabe.
Anton erschien auf dem Bildschirm, aufgenommen in einem kleinen Besprechungsraum seiner Firma. Er saß dort mit einem Mann, den ich nicht kannte. Neben ihm lag eine Mappe mit meinem Namen.
„Wenn meine Frau unterschreibt, gehört die Wohnung meiner Mutter“, sagte Anton in der Aufnahme. „Wenn sie nicht unterschreibt, erkläre ich, sie sei psychisch nicht stabil. Die Bank wird dann nicht lange fragen.“
Der fremde Mann fragte: „Und wenn sie Beweise hat?“
Anton antwortete: „Dann lösche ich sie.“
Ich hörte diese Worte aus seinem Mund und erkannte ihn nicht wieder.
Oder vielleicht erkannte ich ihn zum ersten Mal.
Er sah auf das Tablet, als hätte jemand einen Spiegel vor ihn gestellt.
„Ich habe das nicht so gemeint.“
„Doch“, sagte ich.
Nur dieses eine Wort.
Nadeschda wich zur Wand zurück. Ihre Finger suchten Halt an der Tapete und rissen ein kleines Stück davon ab.
„Anton, sag ihnen, dass du nicht vorhattest, sie zu betrügen.“
Er drehte sich zu ihr.
„Du hast doch alles geplant!“
„Ich wollte nur, dass du endlich etwas bekommst, das dir zusteht.“
„Mir gehört nichts!“
Die Wahrheit traf sie sichtbar. Ihr Mund blieb offen, aber der Ausdruck in ihrem Gesicht veränderte sich.
Lena nahm den gefälschten Ordner und steckte ihn in eine durchsichtige Beweishülle.
„Frau Semjonowna, Sie sollten jetzt nichts mehr anfassen.“
„Das ist mein Haus“, flüsterte sie.
„Nein“, sagte ich. „Es war nie deins.“
Die Beamten erklärten Anton, dass er sie begleiten müsse. Er rief sofort seinen Rechtsanwalt an.
„Nimm ab“, sagte ich.
Er hielt das Telefon ans Ohr.
„Herr Doktor, ich brauche Sie sofort.“
Eine Stimme antwortete so laut, dass selbst ich sie hören konnte: „Ich vertrete Sie nicht mehr. Sie haben mir heute Nachmittag erzählt, es gehe um eine einfache Vollmacht. Nach diesen Aufnahmen kann ich das nicht verantworten.“
Anton schloss die Augen.
„Sie können mich nicht im Stich lassen.“
„Das haben Sie selbst getan“, sagte der Anwalt und legte auf.
Kurz darauf führte die Polizei ihn hinaus. Nadeschda durfte ihre persönlichen Sachen holen, aber nur unter Aufsicht. Sie packte schweigend zwei Koffer, drei Pullover und eine Schachtel mit Teetassen. Die Vase auf der Fensterbank ließ sie stehen.
Ich sah, wie sie an der Tür stehen blieb.
„Du wirst allein sein“, sagte sie.
„Vielleicht“, antwortete ich. „Aber ich werde nicht mehr belogen.“
Sie ging.
Zum ersten Mal seit drei Wochen war die Wohnung still.
Im Schlafzimmer fand ich einen offenen Koffer, den Anton offenbar in Eile zurückgelassen hatte. Darin lag ein weißes Hemd, zusammengeknüllt, und darunter eine Fotografie von unserer Hochzeit. Er hatte sie nicht mitgenommen. Auf dem Bild lächelte ich in die Kamera, während Anton mir den Arm um die Schulter legte.
Ich stellte das Foto nicht zurück.
Ich legte es in eine Schublade.
Am nächsten Morgen wechselte der Schlüsseldienst das Schloss. Der neue Schlüssel war schwerer als der alte und glänzte an der Kante. Ich behielt nur einen Schlüsselbund. Der kleine Messingleuchtturm hing daran, verkratzt, aber unversehrt.
„Sind Sie sicher, dass Sie das allein schaffen?“, fragte der Schlosser.
Ich sah auf die neue Tür.
„Nein“, sagte ich. „Aber ich schaffe es trotzdem.“
Die Ermittlungen dauerten vier Monate.
Die Bank bestätigte, dass Anton die gefälschte Vollmacht eingereicht hatte. Die Überweisungen vom gemeinsamen Konto wurden zurückgeholt. Der Mann aus der Aufnahme war ein Vermittler, der bereits früher wegen gefälschter Unterlagen aufgefallen war.
Nadeschda behauptete zuerst, sie habe von nichts gewusst. Dann tauchten Nachrichten auf, in denen sie Anton schrieb, welche Sätze er vor Gericht sagen sollte. Sie verlor ihre Wohnung nicht, weil ich sie rächen wollte, sondern weil sie sie nie besessen hatte und ihre eigene Mietwohnung in der Zwischenzeit gekündigt worden war.
Ich beantragte die Scheidung.
Anton schrieb mir jede Woche.
„Wir können noch einmal anfangen.“
„Ich habe mich verändert.“
„Bitte denk an unsere guten Jahre.“
Ich antwortete nicht.
Eines Abends hörte ich die Aufnahme noch einmal an. Ich saß in der Küche, draußen fiel Regen gegen die Scheibe, und Anton sagte aus dem Lautsprecher: „Dann erkläre ich, sie sei psychisch nicht stabil.“
Ich hielt die Wiedergabe an.
Seine Stimme war ruhig gewesen.
Nicht wütend. Nicht verwirrt. Ruhig.
Das war das Schlimmste.
Drei Wochen später zog ich aus dem Schlafzimmer in das kleinere Zimmer am Fenster. Ich strich die Wände in einem warmen Sandton und stellte meinen Arbeitstisch darunter. Die leere Hälfte des Kleiderschranks ließ ich offen. Nicht aus Sehnsucht.
Damit ich jeden Morgen sehen konnte, dass dort niemand mehr auf mich wartete.
Im Frühjahr nahm ich wieder Aufträge an. Ich entwarf Innenräume für Menschen, die ihre eigenen Entscheidungen treffen wollten. Mein erstes Projekt war eine kleine Wohnung in Kronstadt. Der Kunde wollte einen schmalen Flur mit Licht, Holz und einer roten Bank.
„Warum eine rote Bank?“, fragte er.
„Damit man beim Heimkommen sofort etwas sieht, das einem gehört“, sagte ich.
Ich begann, sonntags zu schwimmen. Ich trank Kaffee nicht mehr im Wohnzimmer, sondern am Fenster. Ich kaufte eine neue Pflanze für die Küche, obwohl Nadeschda immer gesagt hatte, Pflanzen würden nur Schmutz machen.
Der erste Schnee fiel im November.
Meine Nichte Mila kam zu Besuch und malte am Tisch einen Leuchtturm. Er war schief, viel zu groß und hatte drei gelbe Fenster.
„Der wacht auf dich auf“, erklärte sie.
„Wer hat dir das gesagt?“
„Du hast gesagt, Leuchttürme zeigen den Weg, wenn alles dunkel ist.“
Ich nahm den kleinen Messingleuchtturm von meinem Schlüsselbund und legte ihn neben ihr Bild.
„Dann muss er wohl aufpassen“, sagte ich.
An diesem Abend kam die letzte Nachricht von Anton.
Er schrieb, seine Mutter habe sich bei ihm entschuldigt. Er schrieb, die Schulden seien fast bezahlt. Er schrieb, er stehe unten vor dem Haus und wolle nur fünf Minuten mit mir sprechen.
Dann klingelte es.
Ich ging nicht zur Tür.
Das Klingeln hörte auf.
Eine Minute später begann es wieder.
Ich nahm den Schlüsselbund in die Hand und spürte den kleinen Leuchtturm zwischen meinen Fingern.
„Katja“, rief Anton durch die Tür. „Ich weiß, dass du da bist.“
„Ja“, sagte ich.
Er schwieg.
„Dann mach auf.“
Ich lehnte die Stirn gegen das Holz.
„Nein.“
„Ich brauche dich.“
Früher hätte ich die Kette gelöst. Früher hätte ich gefragt, ob er gegessen hatte, ob seine Mutter wieder Probleme machte, ob wir nicht irgendwo anfangen könnten, wo niemand uns kannte.
Aber ich war nicht mehr die Frau, die ihn vor sich selbst rettete.
„Du brauchst nicht mich“, sagte ich. „Du brauchst jemanden, der dir die Folgen deiner Entscheidungen abnimmt.“
„Ich liebe dich.“
„Das reicht nicht.“
„Was soll ich tun?“
Ich sah zu Milas Zeichnung. Der Leuchtturm darauf war schief, aber er stand.
„Geh nach Hause, Anton.“
„Das ist auch mein Zuhause.“
„Nein. Das war es, solange du ehrlich warst.“
Lange sagte er nichts.
Dann hörte ich seine Schritte im Treppenhaus. Langsam. Schwer. Sie entfernten sich, bis nur noch das Knarren des alten Holzbodens blieb.
Ich öffnete die Tür nicht.
Nicht aus Grausamkeit.
Aus Frieden.
Am nächsten Morgen befestigte ich den Messingleuchtturm wieder am neuen Schlüssel. Sein Metall war an einer Stelle dunkel geworden, und eine winzige Delle erinnerte mich an den Abend, an dem alles zerbrochen war.
Ich strich mit dem Daumen darüber, schloss die Tür und ging zur Arbeit.
Hinter mir blieb die Wohnung still.
Vor mir wurde es hell.
Ich musste niemanden mehr hinauswerfen.
Ich hatte mich selbst zurückgeholt.
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