TEIL 4
Mein Vater legte sein Telefon langsam auf den Tisch.
Niemand sagte etwas.
Draußen tropfte Wasser von den Dachrinnen. Drinnen hörte ich nur das leise Surren des Rechners, aus dem noch immer Andreas’ Stimme kam.
„Nach der Hochzeit brauche ich nur eine Vollmacht.“
Der Satz wiederholte sich in meinem Kopf.
Andreas sprang auf.
— Diese Unterschrift ist nicht von mir, sagte ich.
— Ich weiß, erwiderte mein Vater.
— Woher habt ihr das Bild?
— Von einer Notarin. Jemand hat vor sechs Tagen versucht, mit einer gefälschten Vollmacht einen Antrag auf Änderung der Eigentumsverhältnisse einzureichen.
Andreas wurde starr.
Seine Mutter machte einen Schritt zurück.
— Das hat niemand von uns getan.
Mein Vater sah sie an.
— Dann wird es für euch leicht sein, der Polizei zu erklären, warum der Antrag von einem Gerät aus verschickt wurde, das auf euren Namen registriert ist.
Andreas griff nach seinem Telefon.
— Ich rufe meinen Anwalt an.
Er wählte eine Nummer, lief zum Fenster und sprach mit gedämpfter Stimme. Ich stand mitten in der Küche und spürte den Rand des kleinen Messingschlüsselanhängers in meiner Handfläche.
Mein Vater hatte ihn mir vor drei Jahren geschenkt, als ich ausgezogen war.
„Damit du immer weißt, wo du hingehörst“, hatte er damals gesagt.
Andreas beendete das Gespräch nach weniger als einer Minute.
— Er kommt morgen früh, sagte er.
— Nein, sagte ich.
— Was meinst du?
— Dein Anwalt kommt nicht. Er hat gerade mit mir telefoniert.
Andreas’ Gesicht veränderte sich.
— Was?
— Ich habe ihn vor einer Stunde angerufen. Dein Name ist in einem Verfahren wegen Urkundenfälschung aufgetaucht. Er wollte wissen, ob ich bereit bin, eine Erklärung abzugeben. Als ich ihm die Aufnahme geschickt habe, sagte er, dass er dich nicht vertreten wird.
Andreas starrte mich an.
— Du hast mit meinem Anwalt gesprochen?
— Mit dem Anwalt, der sich geweigert hat, dich zu schützen, nachdem er die Beweise gesehen hatte.
Seine Mutter setzte sich. Ihre Hände zitterten so stark, dass ihr Armband gegen das Glas klirrte.
— Andreas, was hast du getan?
Er drehte sich zu ihr.
— Du hast gesagt, das sei nur eine Vollmacht.
— Ich habe gesagt, dass wir eine Lösung brauchen.
— Du hast die Unterschrift nachgemacht.
— Ich wollte dich retten!
Ich hörte ihnen zu und erkannte plötzlich, wie wenig ich über die vergangenen Monate gewusst hatte.
Nicht über die Blumen.
Nicht über die langen Gespräche.
Nicht über den Antrag bei der Bank, den Andreas angeblich nur aus Neugier hatte sehen wollen.
Er hatte jedes Detail gesammelt, das ihm später nützen konnte.
Am nächsten Morgen um 8.30 Uhr kamen zwei Polizeibeamte und eine Mitarbeiterin der Notarin in meine Wohnung. Andreas saß noch im Wohnzimmer. Er trug dasselbe Hemd wie am Vorabend, nur war der Kragen zerknittert.
— Herr Keller, wir müssen mit Ihnen sprechen, sagte die Beamtin.
— Das ist ein Missverständnis.
— Dann können Sie es erklären.
Sie legte die Kopie der Vollmacht auf den Tisch.
Andreas sah darauf.
— Ich habe nichts gefälscht.
Die Beamtin schob ihm ein zweites Blatt hin.
— Dann hören wir uns jetzt gemeinsam an, was Sie dazu gesagt haben.
Mein Vater startete die Aufnahme.
Andreas’ eigene Stimme füllte den Raum.
„Wenn Maria die Wohnung wirklich bekommt, können wir die Gläubiger beruhigen.“
Andreas schloss die Augen.
Noch nie hatte ich ihn so still gesehen.
Er hörte sich selbst beim Planen zu.
Beim Rechnen.
Beim Lügen.
Als die Aufnahme endete, blieb ein langes Schweigen.
— Das war nicht so gemeint, flüsterte er.
— Aber du hast es gesagt, antwortete ich.
Die Beamten nahmen ihn nicht sofort mit. Sie baten ihn, zur Vernehmung mitzukommen, und erklärten ihm, dass die Ermittlungen wegen Urkundenfälschung und versuchten Betrugs liefen. Seine Mutter durfte gehen, nachdem sie ihre Aussage gemacht hatte.
Andreas blieb an der Tür stehen.
— Maria, bitte. Wir können das noch retten.
Ich hielt die Wohnungstür auf.
— Nein. Du wolltest nicht unsere Ehe retten. Du wolltest deine Schulden retten.
— Ich liebe dich.
— Vielleicht hast du das irgendwann geglaubt. Aber Liebe, die ständig nach einem Ausweg sucht, fühlt sich für den anderen wie eine Falle an.
Er ging.
Nicht dramatisch.
Ohne Schreien.
Nur mit gesenktem Kopf und einer Hand auf dem Türrahmen.
Zwei Wochen später wurde die Hochzeit offiziell abgesagt. Die Standesbeamtin strich unseren Termin aus dem Kalender. Meine Mutter holte die Blumen ab, die bereits bestellt worden waren, und stellte sie in drei Vasen im Haus meiner Eltern auf.
In meiner Wohnung blieb nur ein Gegenstand zurück, der mich jedes Mal an Andreas erinnerte: sein goldener Ring lag auf dem Küchentisch. Er hatte ihn am Abend unserer Verlobung dort abgelegt, weil er angeblich beim Kochen störte. Ich hatte ihn nie angerührt.
Nun steckte ich ihn in einen Umschlag und brachte ihn zu seiner Mutter.
Sie öffnete die Tür nur einen Spalt.
— Er ist nicht da, sagte sie.
— Dann geben Sie ihm den Ring.
— Du hast alles zerstört.
Ich sah auf ihre blassen Finger.
— Nein. Ich habe nur aufgehört, es für ihn zusammenzuhalten.
Sie nahm den Umschlag.
Die Tür schloss sich.
Im Wohnzimmer meiner Wohnung stand danach ein leerer Sessel. Andreas hatte dort jeden Abend gesessen, das Bein über das andere geschlagen, während er über unsere Zukunft sprach. Ich stellte ihn an die Wand und legte eine Decke darüber.
Am Anfang konnte ich mich nicht überwinden, die Wohnung zu betreten.
Jeder Raum enthielt eine Version von ihm.
Seine Tasse.
Seine Bücher.
Seine Stimme im Flur.
Dann begann ich, Dinge zu verändern.
Ich strich die Küche in einem warmen Sandton.
Ich stellte den Schreibtisch ans Fenster.
Ich entfernte die Fotos von unserer Verlobungsfeier und bewahrte nur eines auf: ein Bild von mir mit meinen Eltern am Fluss, aufgenommen lange bevor Andreas in mein Leben kam.
Die Ermittlungen zogen sich über Monate hin. Es gab weitere Gespräche, weitere Unterlagen und schließlich eine Anklage. Andreas gab zu, die Vollmacht vorbereitet zu haben. Seine Mutter erklärte, sie habe nichts von der gefälschten Unterschrift gewusst, obwohl ihre Nachrichten etwas anderes nahelegten.
Ich saß nicht bei jeder Anhörung im Saal.
Ich musste nicht jede Einzelheit hören, um zu wissen, dass die Wahrheit blieb.
Am schwersten war nicht der Termin bei der Polizei.
Am schwersten war der Sonntag drei Monate später.
Ich war bei meinen Eltern, und mein kleiner Neffe Emil malte am Küchentisch. Er war sechs und setzte mit einem grünen Stift ein Haus auf das Papier.
— Ist das deine Wohnung? fragte ich.
— Nein, sagte er. — Das ist dein neues Haus.
— Woran erkennst du das?
Er malte einen großen Baum daneben.
— Weil du davor stehst und nicht traurig bist.
Ich musste lachen.
Dann weinte ich.
Emil schob mir das Bild hin.
— Du kannst es behalten.
— Das mache ich.
Im Frühjahr nahm ich eine neue Stelle in einer kleinen Werbeagentur am anderen Ende der Stadt an. Ich fuhr morgens mit der Straßenbahn, trank meinen Kaffee aus einem Becher mit einem abgebrochenen Henkel und begann wieder, Pläne zu machen, die nicht davon abhingen, ob ein Mann blieb.
Ich besuchte einen Töpferkurs.
Ich ging samstags allein auf den Markt.
Ich lernte, in einem Restaurant einen Tisch für eine Person zu bestellen, ohne mich dafür zu schämen.
Die Wohnung wurde heller.
Nicht, weil die Wände neu gestrichen waren.
Weil ich dort wieder atmen konnte.
Im Juni kam die letzte Nachricht von Andreas.
Sie bestand aus drei Sätzen.
„Ich habe meine Fehler verstanden. Bitte gib mir eine Möglichkeit, dir zu beweisen, dass ich anders bin. Ich denke jeden Tag an unsere Wohnung.“
Ich las die Nachricht zweimal.
Dann legte ich das Telefon weg.
Eine Stunde später schrieb ich zurück.
„Ich wünsche dir, dass du dein Leben ordnest. Aber ich werde nicht mehr darin vorkommen.“
Er antwortete nicht.
Ich löschte die Nummer.
Am ersten Morgen mit Schnee holte ich Emil von der Schule ab. Auf dem Heimweg zeigte er auf meinen Schlüsselbund.
— Was ist das für eine Straßenbahn?
Ich hielt den kleinen Messinganhänger zwischen zwei Fingern hoch.
— Ein Geschenk von meinem Vater.
— Fährt die noch?
Ich sah auf die glänzenden Schienen, die durch den weißen Park führten.
— Ja, sagte ich. — Sie fährt weiter.
Zu Hause hängte ich den Schlüsselbund an den Haken neben der Tür. Der Anhänger schwang kurz hin und her und fing das Licht ein.
Früher hatte ich geglaubt, ein Zuhause sei der Ort, den jemand mit mir teilen wollte.
Jetzt wusste ich es besser.
Ein Zuhause war der Ort, an dem ich mich nicht kleiner machen musste, damit jemand blieb.
Die kleine Messingstraßenbahn blieb noch einen Moment in Bewegung.
Dann stand sie still.
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