Mein Vater schickte mich wegen einer Millionenschuld zum gefürchteten Alphakönig, doch als ich ihn fragte, ob er müde sei, erstarrte er

Als ich die schwere Stahltür zum privaten Flügel von Kane Croft öffnete, warteten draußen zwei Sanitäter mit Beruhigungsspritzen auf mein Scheitern.

Der Regen peitschte gegen die hohen Fenster des Anwesens, und irgendwo unter mir schlug der Pazifik gegen die Klippen. Es war kurz nach Mitternacht. Mein nasser Mantel tropfte auf den schwarzen Steinboden, während ich meine Tasche abstellte und versuchte, nicht zu zeigen, wie sehr meine Hände zitterten.

Auf dem kleinen Tisch neben der Tür lag ein roter Knopf unter einer Glasabdeckung.

„Drücken Sie ihn, sobald Sie sich bedroht fühlen“, hatte Gideon Locke gesagt.

Jetzt stand ich allein davor.

Allein mit dem Mann, vor dem sieben Frauen in den vergangenen Monaten geflohen waren.

Kane Croft trat aus dem dunklen Korridor. Er war barfuß, trug nur eine schwarze Hose und ein zerknittertes Hemd, dessen Ärmel bis zu den Ellbogen hochgeschoben waren. Seine goldenen Augen leuchteten unnatürlich hell. An seinem linken Handgelenk verlief eine dünne, violette Narbe bis zum Unterarm.

Ich kannte diese Narbe aus den Zeitungen. Vor fünf Jahren hatte ein silberhaltiges Gift beinahe seinen Wolf und seinen Verstand zerstört. Seitdem, so erzählte man sich, konnte Kane seine Kräfte nicht mehr kontrollieren.

Er blieb drei Schritte von mir entfernt stehen.

„Sie sind Harper Hayes.“

Seine Stimme war tief und rau, als hätte er seit Tagen nicht geschlafen.

„Und Sie sind Kane Croft.“

„Sie wissen, warum Sie hier sind.“

„Wegen der drei Millionen Dollar, die mein Vater verloren hat.“

Sein Kiefer spannte sich an.

„Ihr Vater hat das Geld nicht verloren. Er hat es verschwinden lassen.“

Ich hob den Blick. „Das ist ein großer Unterschied.“

„Für die Menschen, deren Häuser daran hängen, ja.“

Auf seinem Schreibtisch lag eine kleine Messingpfeife. Sie war an einer Seite eingedellt, als hätte jemand darauf getreten. Daneben standen ungeöffnete Medikamente und ein Glas Wasser, auf dessen Oberfläche noch feine Wellen zitterten.

Ich dachte an meine Schwester Chloe. An ihre letzte Nachricht: Du musst nicht immer alle retten.

Doch wenn ich jetzt ging, würden zweihundert Familien ihre Wohnungen verlieren. Arbeiter würden entlassen, Kinder ihre Schulen wechseln und mein Vater würde behaupten, die Katastrophe sei unvermeidbar gewesen.

„Was genau erwarten Sie von mir?“ fragte ich.

Kane deutete auf den roten Knopf.

„Sie bleiben bis zum Sonnenaufgang in diesem Flügel. Wenn Sie gehen wollen, drücken Sie ihn. Niemand wird Sie aufhalten.“

„Und wenn ich bleibe?“

„Dann verschwindet die Schuld.“

„Ein seltsamer Handel.“

„Ich habe ihn nicht vorgeschlagen.“

Zum ersten Mal sah ich etwas in seinem Gesicht, das nicht Wut war. Abscheu. Nicht vor mir, sondern vor der Vereinbarung selbst.

Hinter der Tür bewegte sich ein Schatten. Ich hörte Vivians Stimme aus dem Gang.

„Kane, sie muss unterschreiben, bevor—“

„Raus, Vivian!“

Das Glas auf dem Tisch sprang mit einem leisen Knacken.

Draußen verstummte alles.

Kane presste beide Hände gegen seine Schläfen. Seine Schultern bebten. Unter seiner Haut zeichneten sich dunkle Adern ab, und ein tiefes Knurren stieg aus seiner Brust auf.

Ich hätte den Knopf drücken müssen.

Stattdessen bemerkte ich den Geruch von verbranntem Metall, der aus seinem Medikamentenglas kam.

„Wer hat Ihnen das gegeben?“ fragte ich.

Seine Augen schossen zu mir.

„Was?“

„Das Wasser. Es riecht nach Silber.“

Für einen Herzschlag wurde sein Gesicht vollkommen leer.

Dann griff er nach der Schreibtischkante, während draußen jemand hastig den Schlüssel im Schloss drehte. Eine Hand schob sich durch den Türspalt. In ihr glänzte eine schmale Mappe aus dunkelbraunem Leder…

TEIL 2

Die Hand mit der Ledermappe schob sich weiter durch den Türspalt.

„Nicht öffnen!“ rief Kane.

Seine Stimme klang nicht wie eine Warnung. Sie klang wie nackte Angst.

Ich packte die Mappe, bevor die Person draußen sie zurückziehen konnte. Das Leder war warm. Auf der Vorderseite war kein Name eingeprägt, nur ein kleines Zeichen: ein gebrochener Kreis mit drei Kerben.

„Harper!“ Kane stieß sich vom Schreibtisch ab.

Die Tür flog auf. Vivian Mercer stand im Rahmen, bleich vor Zorn. Hinter ihr wartete Gideon mit einer Hand am Griff seines Messers.

„Geben Sie das her“, sagte Vivian.

„Warum?“

„Weil es nicht für Sie bestimmt ist.“

„Dann hätte man es nicht durch meine Tür schieben sollen.“

Kane machte einen Schritt auf uns zu. Sofort hob Gideon den Arm.

„Kane, zurück.“

„Ich brauche keine Anweisungen.“

„Doch“, sagte ich. „Im Moment schon.“

Sein Blick traf mich. Das Knurren in seiner Brust wurde leiser, aber es verschwand nicht. Ich spürte seine Wut wie Druck auf den Rippen.

Auf dem Boden lag ein zerbrochenes Glas. Ein Splitter hatte sich in meinen Schuh gebohrt. Ich spürte den Schmerz erst, als ich die Mappe gegen meine Brust presste.

„Sie haben mir gesagt, ich soll bleiben“, sagte ich zu Kane. „Warum wollen Sie jetzt verhindern, dass ich lese, was man mir bringt?“

Vivian lachte hart.

„Weil diese Frau genau das tut, was alle vor ihr getan haben. Sie spielt die verständnisvolle Retterin, bis sie merkt, dass Kane nicht zu retten ist.“

„Ihre Schwester war eine der sieben Frauen“, sagte ich.

„Meine Schwester wurde mit einem gebrochenen Arm aus diesem Flügel getragen.“

„Und trotzdem arbeiten Sie noch für ihn?“

Für einen Moment flackerte etwas in Vivians Augen auf. Schuld. Oder Furcht.

„Ich arbeite dafür, dass niemand sonst verletzt wird.“

Kane presste die Finger an seine Narbe. Seine Atmung wurde unregelmäßig.

Ich öffnete die Mappe.

Darin lag ein Blatt mit einer Reihe von Überweisungen, jeweils mit Datum, Betrag und einem Konto in Vancouver. Daneben befand sich ein Foto meines Vaters, aufgenommen vor einem Bürogebäude. Er schüttelte einem Mann die Hand, den ich sofort erkannte: Malcolm Voss, der Vorsitzende unseres Rudelrates.

„Das ist unmöglich“, flüsterte ich.

„Ihr Vater hat das Entwicklungsfonds-Geld nicht verloren“, sagte Kane. „Er hat es über Voss in kleine Firmen verschoben.“

„Sie behaupten, mein Vater habe seine eigenen Leute bestohlen?“

„Ich behaupte gar nichts. Die Zahlen tun es.“

Ich blätterte weiter. Auf der letzten Seite war eine Kopie meines Namens zu sehen. Eine Unterschrift, die meiner ähnlich sah, aber nicht meine war.

„Warum steht mein Name hier?“

Niemand antwortete.

Draußen schlug der Sturm gegen die Fenster. Ein Blitz erhellte das Zimmer und ließ Kane für einen Augenblick wie eine Statue aus Gold und Schatten wirken.

„Weil Ihr Vater wollte, dass Sie die nächste Anführerin von Cascade werden“, sagte Vivian schließlich. „Und weil er wusste, dass ein Skandal um Sie den Rest seiner Entscheidungen verdecken würde.“

Mir wurde kalt.

„Er hat mich hierhergeschickt, damit ich schweige.“

„Nein“, sagte Kane. „Er hat Sie hierhergeschickt, damit Sie nicht mehr nach den Büchern fragen.“

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Mein Handy vibrierte in der Tasche. Chloe.

Ich nahm ab.

„Harper?“ Ihre Stimme war kaum zu hören. „Bist du bei ihm?“

„Ja. Was ist passiert?“

Im Hintergrund klirrte etwas. Dann ein dumpfer Aufprall.

„Papa ist hier. Er sagt, ich soll dir ausrichten, dass du sofort nach Hause kommen musst.“

„Gib ihn mir.“

Chloe atmete scharf ein.

„Er steht hinter mir. Harper, er hat Männer mitgebracht.“

Kanes Augen veränderten sich. Das Gold wurde dunkler.

„Wo bist du?“ fragte ich.

Die Leitung knackte.

Dann hörte ich die Stimme meines Vaters.

„Meine liebe Tochter“, sagte Richard Hayes ruhig. „Wenn du diese Nacht überleben willst, leg die Mappe weg und komm allein nach Hause…“

TEIL 3

„…sonst wird Chloe den Morgen nicht erleben.“

Die Worte meines Vaters hingen im Raum wie Rauch.

Ich hörte nur meinen eigenen Atem. Dann fiel irgendwo im Haus ein Alarm aus, und rote Lichter begannen über den Wänden zu blinken.

„Gib mir das Telefon“, sagte Kane.

„Nein.“

„Harper.“

„Er will, dass ich allein komme.“

„Das wirst du nicht.“

Ich sah auf das Foto in der Mappe. Mein Vater und Malcolm Voss vor dem Gebäude in Vancouver. Hinter ihnen stand ein Lieferwagen mit demselben gebrochenen Kreissymbol, das auf der Mappe eingeprägt war.

Plötzlich verstand ich, warum Kane Angst vor diesem Zeichen hatte.

„Das war nicht nur Geld“, sagte ich. „Was ist diese Gruppe?“

Kane schwieg.

Vivian nahm ihm die Antwort ab.

„Voss hat vor fünf Jahren den silbernen Anschlag organisiert.“

Kane drehte sich langsam zu ihr.

„Du hast versprochen, darüber nie zu sprechen.“

„Ich habe versprochen, meine Schwester zu schützen. Sie ist beinahe gestorben, weil du alle Beweise vernichten wolltest.“

„Ich wollte verhindern, dass ein Krieg beginnt.“

„Und dafür hast du sieben Frauen in diesen Flügel kommen lassen?“

Kanes Gesicht wurde grau.

„Nein.“

„Doch“, sagte Vivian. „Du brauchtest jemanden, dessen Anwesenheit deinen Wolf beruhigt. Du wusstest, dass die Frauen jedes Mal panisch werden würden. Du hast sie trotzdem kommen lassen, weil Voss dir eingeredet hat, deine einzige Chance sei eine neue Gefährtin.“

Kane sah mich an.

„Das stimmt“, sagte er leise. „Aber ich wusste nicht, dass sie alle unter falschen Voraussetzungen geschickt wurden.“

Ich legte die Mappe auf den Tisch.

„Dann sag mir die ganze Wahrheit.“

Er schloss die Augen. Gideon stellte ein kleines Aufnahmegerät neben die Medikamente. Ein rotes Licht leuchtete auf.

„Die silberne Verbindung in meinem Blut wurde vor fünf Jahren von Malcolm Voss bezahlt“, sagte Kane. „Er wollte mich schwach machen und die Croft-Industrie übernehmen. Dein Vater half ihm, die Zahlungen zu verschleiern.“

„Mein Vater wusste davon?“

„Ja.“

„Und die drei Millionen?“

„Waren der letzte Teil des Plans. Dein Vater sollte den Fonds leeren, Voss sollte die Schuld auf mich schieben, und du solltest als angebliche Nachfolgerin mit mir verbunden werden. Wenn du öffentlich zusammenbrichst, wäre Cascade führungslos gewesen.“

Meine Knie wurden weich.

„Warum hast du mir das nicht früher gesagt?“

„Weil ich keine Beweise hatte. Und weil jeder, der mir zu nahekam, in Gefahr geriet.“

Gideon schob ein zweites Dokument aus der Mappe. Es war ein notariell beglaubigter Prüfbericht. Auf jeder Seite standen die Namen, Zeitpunkte und Kontonummern. Ganz unten befand sich die echte Unterschrift meines Vaters.

Nicht meine.

Seine.

Ich nahm das Blatt, und meine Finger zitterten so stark, dass das Papier raschelte.

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„Das reicht für eine Anklage“, sagte Gideon.

„Wenn wir lebend von hier wegkommen“, erwiderte Vivian.

In diesem Moment klingelte Kanes Telefon.

Er nahm ab und wurde still.

„Wer ist es?“ fragte ich.

Kane legte den Lautsprecher an.

Eine Männerstimme sagte: „Die Polizei steht vor dem Anwesen. Richard Hayes hat behauptet, Kane Croft habe seine Tochter entführt und Chloe als Geisel genommen.“

Ich spürte, wie mir das Blut aus dem Gesicht wich.

„Das ist gelogen“, sagte ich.

„Das wissen wir“, antwortete Gideon. „Aber sie haben einen Haftbefehl.“

Kane sah auf die Dokumente, dann auf mich.

„Wenn ich jetzt hinausgehe, verhaften sie mich.“

„Und wenn du hierbleibst, wird mein Vater Chloe töten.“

Ein zweites Geräusch kam aus dem Telefon. Ein leises Weinen. Chloe.

Dann sagte Malcolm Voss, ganz nah an ihrem Ohr: „Du hast zehn Minuten, Harper.“

Die Verbindung brach ab.

Kane riss die Tür zum Waffenschrank auf. Hinter den Gewehren lag ein schwarzer Umschlag, den ich noch nie gesehen hatte.

Auf seiner Vorderseite stand nur ein Satz: Für den Fall, dass Harper Hayes die Wahrheit erfährt…

Kane öffnete ihn, las die erste Zeile und hob den Kopf.

„Harper“, sagte er. „Dein Vater ist nicht in eurem Haus.“

„Wo ist er dann?“

Kane drehte den Umschlag um. Zwischen den Papieren klemmte ein Foto von Chloe, aufgenommen wenige Minuten zuvor, in einer verlassenen Lagerhalle am Hafen.

Auf der Rückseite stand eine Adresse.

Und darunter: Komm allein.

Kane griff nach seinem Mantel.

„Ich komme mit.“

Draußen heulten bereits die Sirenen. Doch die schlimmste Nachricht wartete nicht vor der Tür des Anwesens, sondern an jenem Ort, den mein Vater seit Jahren geheim gehalten hatte…

FINALE TEIL

Kane hörte seine eigenen Worte – und verlor jede Kontrolle…

Ich glaubte, ich müsste nur eine Schuld begleichen. Doch hinter dieser Nacht steckte ein Plan, der meine ganze Familie zerstören sollte. Im Finale kam endlich ans Licht, wem wir wirklich vertraut hatten.

In diesem Moment verstand Kane, was alle gehört hatten.
„Ich habe sie selbst in diese Gefahr geschickt.“
Zum ersten Mal wich er meinem Blick nicht aus.

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