Ich entschuldigte mich aus dem Krankenhaus für mein Fehlen, doch als mein Arbeitgeber allein erschien, wurde sein Gesicht plötzlich kreidebleich

Um 23.40 Uhr am Heiligabend erklärte ich meinem Arbeitgeber aus einem Krankenhausbett, warum ich am nächsten Morgen vielleicht nicht den Speisesaal würde herrichten können. Meine linke Hand steckte in einer weißen Schiene, die Wange war so stark angeschwollen, dass ich nur durch einen schmalen Spalt sehen konnte. Neben mir lag mein dunkelgrüner Wollmantel, an der Schulter aufgerissen. Aus der Naht ragte ein kleines Stück Messing hervor, der Rand meines schmalen Notizbuchs.

Im Wartebereich blinkten billige rote Lichter an einem Weihnachtsbaum. Daneben piepte ein Herzmonitor in unregelmäßigen Abständen. Der Geruch von Desinfektionsmittel, verbranntem Kaffee und nassen Mänteln hing schwer in der Luft.

Die Krankenschwester hatte mich gefragt, ob sie meine Familie anrufen solle.

— Es gibt niemanden, der kommen kann, hatte ich geantwortet.

Das stimmte nicht ganz. Mein neunzehnjähriger Bruder Rowan lag nach einem schweren Unfall in einer Rehabilitationsklinik auf der anderen Seite der Stadt. Er konnte mich nicht abholen. Also wählte ich die einzige Nummer, die ich seit drei Jahren auswendig kannte und noch nie angerufen hatte.

Er meldete sich nach dem zweiten Klingeln.

— Ashcroft.

Killian Ashcroft sprach immer so, als hätte jeder Anruf ihn von etwas Wichtigerem weggerissen.

— Sir, sagte ich.

Stille.

— Wer ist da?

— Maeve Donnelly.

Am anderen Ende wurde es noch stiller. In drei Jahren hatte er mich nie bei meinem Vornamen genannt. Ich hatte für seine Familie gekocht, Silber poliert, Rechnungen in das Arbeitszimmer getragen und gelernt, nicht hinzusehen, wenn Männer mit unbewegten Gesichtern durch die Hintertür kamen. Ich hatte ihn immer nur mit Sir angesprochen.

— Wo sind Sie?

— Im St.-Brendan-Krankenhaus. Ich wollte mich entschuldigen. Morgen früh könnte ich mich verspäten.

— Warum?

— Der Speisesaal muss noch vorbereitet werden. Das Tischtuch liegt unten, und das Silber ist noch nicht vollständig poliert. Ich wollte alles vor dem Frühstück erledigen, aber vielleicht kann ich nicht kommen.

— Maeve.

Seine Stimme hatte sich verändert.

— Was ist passiert?

Ich sah auf meine geschiente Hand.

— Es war vermutlich ein Unfall.

Der junge Polizist neben meinem Bett hatte diese Worte benutzt: zufälliger Überfall, verlorene Kontrolle, Gewalt im Feiertagsverkehr. Nichts davon stimmte.

— Zwei Wagen haben mich nahe Fort Point eingekesselt, sagte ich. Mein Wagen ist gegen den Bordstein gerutscht.

— Wurden Sie angefahren?

— Ich bin in Ordnung.

— Das war nicht meine Frage.

— Mein Handgelenk ist verletzt.

— Sonst noch etwas?

Ich berührte vorsichtig meine Wange.

— Blutergüsse.

— War jemand bei Ihnen?

— Nein.

— Die Polizei?

— Sie haben eine Anzeige aufgenommen.

— Bleiben Sie dort.

— Sir, das ist wirklich nicht nötig—

Die Verbindung brach ab.

Dreiundzwanzig Minuten später öffneten sich die automatischen Türen. Killian Ashcroft kam allein herein.

Das war der Moment, in dem ich begriff, wie ernst es war. Jeder in Boston kannte seinen Namen. Die Zeitungen nannten seine Familie seit Jahrzehnten „mit organisierter Kriminalität verbunden“. Andere nannten ihn Geschäftsmann, Wohltäter oder Ungeheuer. Aber niemand hatte ihn je ohne Begleitung gesehen.

In dieser Nacht trug er keinen sichtbaren Leibwächter, keine Waffe und keinen schwarzen Wagen voller Männer. Nur einen offenen schwarzen Wollmantel, ein weißes Hemd und nasses Haar.

Er blieb vor meinem Bett stehen.

Sein Blick fiel zuerst auf mein Gesicht, dann auf meine Hand und zuletzt auf den zerrissenen Mantel.

— Wer hat das getan?

— Ich weiß es nicht.

— Lügen Sie mich nicht an.

Ich schluckte.

— Ich weiß nur, dass sie etwas gesucht haben.

Zum ersten Mal verlor sein Gesicht jede Farbe.

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— Was?

Ich wollte antworten. Doch da blieb sein Blick an der aufgerissenen Mantelnaht hängen. Seine Hand bewegte sich langsam darauf zu, während hinter uns eine Krankenschwester einen Wagen vorbeischob und der Weihnachtsbaum im Takt des Monitors blinkte.

Seine Finger waren nur noch wenige Zentimeter von der Naht entfernt…

TEIL 2

Seine Finger berührten den aufgerissenen Stoff, und ich hielt den Atem an. Nicht, weil ich fürchtete, dass er mich verletzen würde. Sondern weil ich wusste, dass er sofort merken würde, was fehlte.

Der kleine Messingrand war nicht mehr da.

— Wo ist Ihr Notizbuch? fragte Killian.

Die Frage traf mich härter als jeder Schlag in dieser Nacht.

— Ich hatte es bei mir.

— Hatten?

— In der Innentasche.

Der junge Polizist hob den Kopf.

— Ein Notizbuch wurde nicht erwähnt.

— Weil ich nicht wusste, ob ich darüber sprechen darf, sagte ich.

Killian sah ihn an.

— Sie dürfen jetzt gehen.

— Sir, ich muss die Befragung beenden.

— Dann beenden Sie sie draußen.

Der Polizist wollte protestieren, sah aber zu dem schwarzen Wagen vor dem Eingang und entschied sich anders. Als die Tür hinter ihm zufiel, beugte Killian sich zu mir.

— Was stand darin?

— Dinge, die ich mir merken musste.

— Welche Dinge?

— Lieferzeiten. Namen. Kennzeichen. Wer wann im Haus war.

Sein Blick wurde schmal.

— Warum schreibt eine Hausangestellte Kennzeichen auf?

Ich dachte an Rowan. An die Rechnung für seine Rehabilitationsklinik. An die Männer, die vor zwei Monaten in Ashcrofts Küche aufgetaucht waren und behauptet hatten, sie kämen wegen einer Reparatur. An den roten Bleistift, mit dem ich ihre Kennzeichen später aufgeschrieben hatte.

— Weil mein Bruder behandelt wird und ich gelernt habe, auf Menschen zu achten, die zu viele Fragen stellen.

Für einen Moment sagte Killian nichts.

Dann nahm er meinen Mantel vom Stuhl. Der Wollstoff war feucht und roch nach nassem Asphalt. An der Innenseite klebte ein winziger dunkler Fleck.

— Sie fahren mit mir.

— Ich kann nicht einfach aus dem Krankenhaus verschwinden.

— Der Arzt hat gesagt, Ihr Handgelenk sei nicht gebrochen.

— Er hat auch gesagt, ich soll mich ausruhen.

— Das können Sie in meinem Haus.

— Dort wurde ich angegriffen.

Sein Kiefer spannte sich an.

— Genau deshalb kommen Sie mit.

Um 0.35 Uhr saß ich auf dem Rücksitz seines Wagens. Boston war stiller als gewöhnlich. Schnee lag in grauen Streifen an den Straßenrändern, und die festlichen Lichter spiegelten sich auf dem nassen Asphalt. Killian fuhr selbst. Bei jeder Kurve schmerzte mein Handgelenk, und jedes Mal sah er kurz in den Rückspiegel.

— Haben sie etwas gesagt? fragte er.

— Einer sagte: „Wo ist das Buch?“

Seine Hände umklammerten das Lenkrad.

— Wie viele waren es?

— Drei. Vielleicht vier.

— Haben Sie einen erkannt?

Ich zögerte.

— Der größte trug einen Ring mit einer gezackten schwarzen Oberfläche.

Killian trat auf die Bremse. Hinter uns hupte ein Taxi.

— Nolan trägt einen solchen Ring, sagte ich.

Nolan Faraday war seit zwölf Jahren sein engster Vertrauter. Er organisierte die Sicherheitsleute, kannte jede Tür in Ashcrofts Haus und stand meistens zehn Schritte hinter ihm.

— Das bedeutet nichts, sagte Killian.

— Ich habe nicht gesagt, dass es etwas bedeutet.

— Aber Sie denken es.

— Ich denke, dass der Mann meinen Namen kannte.

Als wir um 1.02 Uhr das Anwesen erreichten, brannte im Arbeitszimmer Licht. Die hohen Fenster des Hauses spiegelten den Schnee. Auf der Veranda stand ein Kranz aus getrockneten Orangenscheiben. Eine davon war zerbrochen und lag auf der Stufe.

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Killian öffnete die Tür.

Nolan wartete im Flur.

— Endlich, sagte er. Ich habe erfahren, was passiert ist.

Er trug einen dunklen Anzug und denselben gezackten Ring.

Sein Blick glitt über mein geschwollenes Gesicht.

— Maeve, das tut mir leid.

— Sie kennen meinen Namen? fragte ich.

Nolan lächelte nicht mehr.

— Jeder im Haus kennt Ihren Namen.

Killian stellte sich zwischen uns.

— Wo warst du heute Abend?

— Hier. Ich habe die Sicherheitskameras überprüft.

— Und?

— Der Angriff war zufällig. Ein paar Jugendliche, vermutlich.

Ich sah auf seine rechte Hand. Unter dem Ring klebte ein winziger roter Faden, genau wie die rote Wolle, die im Krankenhaus an meinem Mantel hängen geblieben war.

— Wenn es zufällig war, sagte ich, warum haben sie dann nach meinem Buch gefragt?

Nolan wurde vollkommen still.

Killian drehte langsam den Kopf zu ihm.

— Welches Buch?

Nolan antwortete nicht.

In diesem Augenblick klingelte im Arbeitszimmer das Telefon. Einmal. Zweimal. Dreimal.

Killian ging hinein und nahm ab.

Ich blieb im Flur stehen, während Nolan mich beobachtete. Dann ertönte aus dem Hörer eine verzerrte Männerstimme, die selbst durch die Entfernung jedes Wort verständlich machte:

— Wenn Sie das Notizbuch nicht finden, ist Rowan Donnelly vor Sonnenaufgang tot…

TEIL 3

Das Telefon lag auf dem Schreibtisch, und trotzdem hörte ich die Stimme noch, als Killian den Hörer auflegte. Mein Bruder. Vor Sonnenaufgang.

Nolan trat einen Schritt vor.

— Das war eine leere Drohung.

— Sie kannten Rowans Namen, sagte ich.

— Jeder, der Sie beobachtet hat, konnte das herausfinden.

Killian blickte zwischen uns hin und her. Im Arbeitszimmer roch es nach kaltem Rauch und poliertem Holz. Auf dem Kamin stand eine Uhr, deren Pendel gegen das Glas schlug.

— Alle raus, sagte er.

— Killian—

— Ich sagte, alle raus.

Um 1.19 Uhr rief er seine Sicherheitsleute an. Nolan sollte angeblich eine geschützte Verbindung zu Rowans Klinik herstellen. Doch bevor er den Raum verlassen konnte, öffnete sich die Seitentür. Zwei Männer in Zivil kamen herein, gefolgt von einer Frau mit einem schmalen Aktenkoffer.

— Frau Donnelly? fragte sie.

— Ja.

— Ich bin Staatsanwältin Keller. Ihr Notizbuch wurde gefunden.

Mein Magen zog sich zusammen.

Die Staatsanwältin stellte den Koffer auf den Tisch. Der Verschluss klickte. Darin lag mein kleines schwarzes Notizbuch, der Rand aus Messing zerkratzt, die Seiten an einer Ecke mit Blut verklebt.

Nolan wurde blass.

— Woher haben Sie das? fragte Killian.

— Es lag im Wagen eines Mannes, den die Polizei vor zwanzig Minuten festgenommen hat. Er wurde bei einem Unfall in Charlestown verletzt. In seiner Tasche fanden wir außerdem eine Liste mit Namen und Uhrzeiten.

Sie schlug das Buch auf.

Ich erkannte meine Schrift. Kleine, enge Zeilen, die ich während meiner Arbeit heimlich notiert hatte.

„Montag, 22.15 Uhr: Nolan verlässt das Haus durch den Weinkeller. Kennzeichen 7-KD-418.“

„Mittwoch, 3.40 Uhr: Nolan öffnet den verschlossenen Raum hinter der Bibliothek.“

„Freitag, 19.05 Uhr: Nolan fragt nach dem Schlüsselbund des Hausherrn.“

Killian starrte auf die Seiten.

— Warum haben Sie mir das nie gezeigt?

— Weil ich nicht wusste, ob ich Ihnen vertrauen kann.

Nolan lachte kurz. Es klang trocken und falsch.

— Eine Hausangestellte führt Buch über meine Wege, und Sie glauben ihr einfach?

Die Staatsanwältin legte ein zweites Blatt auf den Tisch.

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— Wir glauben nicht nur ihr. Wir haben die Aufnahmen aus der Tiefgarage ausgewertet.

Sie schob ein kleines Abspielgerät über das Holz. Das Bild zeigte den Abend meines Angriffs. Mein Wagen stand an der Straße. Zwei Fahrzeuge blockierten den Weg. Nolan trat aus dem hinteren Wagen und beugte sich zu meiner Tür.

Seine Stimme war klar.

— Wo ist das Buch, Maeve?

Auf der Aufnahme schlug er gegen die Scheibe.

— Es ist nicht bei mir, sagte meine eigene Stimme.

— Dann holen wir es aus dem Haus.

Nolan wurde plötzlich sehr ruhig.

— Das ist gefälscht.

— Ihre Stimme wurde bestätigt, sagte Keller. Und der Ring an Ihrer Hand ist auf jedem Bild zu sehen.

Killian stand auf. Der Stuhl schabte über den Boden.

— Du hast meine Angestellte angegriffen.

— Ich habe versucht, etwas zu finden, das mir gehört.

— In meinem Haus?

— In deinem Tresor.

Ich öffnete den Mund, aber kein Wort kam heraus. Das Notizbuch war nie der eigentliche Grund gewesen. Ich hatte geglaubt, Nolan suche nach meinen Aufzeichnungen. Doch er hatte offenbar gewusst, dass ich etwas anderes entdeckt hatte.

Keller blätterte zur letzten Seite. Dort stand nur ein Satz, den ich selbst vor drei Tagen geschrieben hatte:

„Der Schlüssel liegt nicht im Haus. Er liegt dort, wo Killian niemals suchen würde.“

Killian sah mich an.

— Was bedeutet das?

— Ich weiß es nicht mehr, sagte ich.

Das war die Wahrheit. Nach dem Schlag gegen meinen Kopf war die Erinnerung an diesen Satz wie hinter Milchglas verschwunden.

Plötzlich vibrierte das Telefon auf dem Schreibtisch. Diesmal war es nicht die verzerrte Stimme. Es war die Klinik.

Killian nahm ab.

Sein Gesicht veränderte sich, während er zuhörte.

— Was ist passiert?

Er legte auf und sah mich an.

— Rowan ist nicht mehr in seinem Zimmer.

Nolan senkte den Blick.

Und in seiner rechten Hand glitzerte etwas, das ich bisher nicht bemerkt hatte: ein kleiner Messingschlüssel, der exakt zum Rand meines Notizbuchs passte…

LETZTER TEIL

Als seine eigene Stimme erklang, wurde es plötzlich still…

Ich dachte, die Wahrheit würde mich befreien. Aber erst danach verstand ich, was sie kosten würde.
Im letzten Teil schloss sich die Tür zu meinem alten Leben.

Im letzten Teil sagte ich den Satz, der alles beendete:
„Ohne dieses Haus bin ich wenigstens nicht mehr darin eingesperrt.“
Danach hatte selbst Nolan keine Antwort mehr.

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