Meine beste Freundin brachte mir täglich ein Mittagessen, doch als ich plötzlich ihre Fragen beantwortete, verschwand ihr Lächeln

Am achten Tag nach meiner Rückkehr aus dem Tod legte ich den halb vollen Essensbehälter in meinen Rucksack und lächelte Marta an, als hätte ich nichts bemerkt.

„Du hast heute kaum gegessen“, sagte sie gegen zwölf Uhr vierzig in der Bibliothek und strich sich eine lose Haarsträhne hinters Ohr.

„Ich hatte keinen großen Hunger.“

„Du musst mehr auf dich achten. Du lernst seit Stunden.“

Ihre Stimme klang besorgt. Genau so hatte sie in meinem ersten Leben geklungen, während sie mich langsam ausgehöhlt hatte.

Unter dem Tisch presste ich meine Finger gegen den Reißverschluss des Rucksacks. Der kleine silberne Anhänger daran war eine winzige Lokomotive, die mein Vater mir zum Studienbeginn geschenkt hatte. Früher hatte sie bei jeder Bewegung leise gegen den Stoff geschlagen. Jetzt hörte ich nur noch meinen eigenen Herzschlag.

„Marta“, sagte ich, „hast du das Essen selbst gekocht?“

Für den Bruchteil einer Sekunde blieb ihre Hand in der Luft stehen.

„Natürlich nicht. Ich habe es im Wohnheim bestellt.“

„Dann weißt du ja nicht, was genau darin ist.“

Sie lachte, aber ihr Lachen kam zu schnell.

„Lucía, jetzt wirst du wirklich seltsam. Willst du mir etwa unterstellen, ich würde dich vergiften?“

„Ich unterstelle dir gar nichts.“

„Gut. Denn ich bringe dir das Essen nur, weil du meine beste Freundin bist.“

Ich zwang mich zu einem Lächeln. In meinem Magen lag ein kalter Stein.

Um vierzehn Uhr verließ ich die Bibliothek durch den Seiteneingang und ging zu dem verwilderten Garten hinter dem Elektrotechnikgebäude. Der Wind trieb trockene Blätter über die Pflastersteine. Unter der alten Akazie wartete Rubio bereits auf mich. Seine Rippen zeichneten sich unter dem braunen Fell ab, und an seinem rechten Ohr klebte ein Stück roter Lehm.

„Du bist pünktlicher als die meisten Menschen“, murmelte ich.

Ich stellte den Behälter vor ihn. Rubio wedelte vorsichtig mit dem Schwanz und begann zu fressen. Ich kniete neben ihm und beobachtete jede Bewegung.

Kein Erbrechen. Kein Zittern. Nur dieses langsame, glückliche Schmatzen.

Am nächsten Morgen um acht Uhr zehn fuhr ich mit dem Bus in ein privates Labor am Stadtrand von Madrid. Die Empfangshalle roch nach Desinfektionsmittel und warmem Plastik. Ich übergab die Speisereste und nannte meinen Verdacht.

Die Laborantin sah mich lange an.

„Sie wissen, dass eine solche Untersuchung teuer ist?“

„Ja.“

„Und wenn das Ergebnis negativ ist?“

„Dann habe ich mich geirrt.“

Das war gelogen. Ich hatte mich nicht geirrt. Ich hatte mich einmal zu lange selbst nicht geglaubt.

Am Abend rief ich meine Mutter an.

„Wie geht es Papa in der Fabrik?“

„Er klagt über den Rücken, aber sonst gut. Warum fragst du?“

„Einfach so. Er soll sich nach anderen Stellen umsehen.“

„Lucía, er arbeitet dort seit fünfzehn Jahren.“

„Ich weiß. Trotzdem.“

Nachdem wir aufgelegt hatten, öffnete ich auf meinem Rechner einen neuen Ordner. Ich nannte ihn nicht „Beweise“. Zu gefährlich, falls Marta meinen Bildschirm sah. Ich schrieb nur ein Datum darauf.

Dann begann ich, alles aufzuschreiben: Uhrzeit der Mahlzeiten, ihre Fragen, meine Kopfschmerzen, jede Veränderung in ihrem Gesicht.

Am dritten Tag erschien Marta zwanzig Minuten zu spät in der Bibliothek. Sie stellte den Behälter vor mich und beugte sich über meine Schulter.

„Woran arbeitest du?“

„An einer Zusammenfassung.“

„Darf ich sie sehen?“

„Später.“

Ihre Pupillen verengten sich.

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„Seit wann bist du so geheimnisvoll?“

Ich hörte das leise Klacken meines Lokomotivanhängers am Rucksack. Dann schob Marta den Behälter näher zu mir und sagte mit einem Lächeln, das nicht mehr freundlich wirkte: „Du solltest wirklich aufpassen, wem du vertraust…

TEIL 2

„…denn manchmal merkt man erst zu spät, dass jemand gegen einen arbeitet.“

Marta sagte es am Donnerstagnachmittag um sechzehn Uhr fünf, zwischen zwei Regalen voller Fachbücher. Ihre Finger lagen noch immer auf dem Plastikdeckel des Behälters.

Ich hob den Blick.

„Meinst du damit dich?“

„Ich meine niemanden.“

„Dann war es eine merkwürdige Warnung.“

Sie zog ihre Hand zurück. Der Deckel knackte leise.

„Du bist in letzter Zeit anstrengend.“

„Vielleicht bin ich nur müde.“

„Du schläfst doch genug.“

Das war der Moment, in dem ich wusste, dass sie mich beobachtete. Nicht aus Sorge. Aus Kontrolle.

Ich nahm das Mittagessen trotzdem mit. Doch statt zu Rubio zu gehen, steckte ich den Behälter in eine Papiertüte und fuhr am nächsten Morgen erneut zum Labor. Die Mitarbeiterin erkannte mich sofort.

„Sie sind wieder da.“

„Ich brauche eine vollständige Untersuchung.“

„Haben Sie inzwischen mit einem Arzt gesprochen?“

„Noch nicht.“

„Das sollten Sie tun.“

„Das werde ich.“

Ich sagte nicht, dass ich zuerst jemanden brauchte, der mir glaubte.

Am siebten Tag erhielt ich das Ergebnis. Um neun Uhr dreiundzwanzig stand ich im Treppenhaus der Fakultät, weil ich nicht wollte, dass irgendjemand mein Gesicht sah. Die Laborantin hatte den Bericht in einen braunen Umschlag gelegt und die entscheidende Stelle mit einem gelben Streifen markiert.

Benzodiazepine nachgewiesen.

Meine Knie wurden weich. Ich setzte mich auf die unterste Stufe und presste den Umschlag gegen meine Brust. Die Geräusche im Gebäude entfernten sich, als würde jemand eine Tür zwischen mir und der Welt schließen.

All die vergessenen Seiten. Die bleierne Müdigkeit. Die Prüfung, bei der ich die einfachsten Formeln nicht mehr zusammenbekommen hatte.

Marta hatte mich nicht plötzlich zerstören wollen. Sie hatte mich langsam unsicher gemacht, bis ich mir selbst nicht mehr vertraute.

Um elf Uhr ging ich zu Professor Weber. Er leitete den Kurs für Nachrichtentechnik und hatte mich in meinem ersten Leben noch am Tag vor der Prüfung gelobt.

Sein Büro roch nach Kaffee und altem Papier. Eine grüne Schreibtischlampe warf einen schmalen Lichtkegel auf seine Unterlagen.

„Frau Álvarez, wenn es um eine neue Frist geht, müssen Sie mit dem Prüfungsamt sprechen.“

„Es geht um etwas anderes.“

Ich legte den Laborbericht auf seinen Tisch.

Er las die erste Seite, dann die zweite.

„Woher stammt die Probe?“

„Aus einem Mittagessen, das meine Mitbewohnerin mir bringt.“

„Sie behaupten, sie vergiftet Sie?“

„Ich behaupte, dass diese Substanz darin gefunden wurde.“

Er nahm die Brille ab.

„Lucía, eine Anschuldigung dieser Art kann Ihr eigenes Studium gefährden.“

„Dann helfen Sie mir, sie zu prüfen.“

„Wie?“

„Überwachung der Prüfungsunterlagen. Zugangsdaten. Kameras. Alles, was dokumentiert, wer sich wann in Ihrem Zimmer und im Prüfungsraum aufhält.“

Professor Weber schwieg. Schließlich fragte er: „Warum kommen Sie ausgerechnet jetzt?“

Ich dachte an meinen Vater auf dem Bau. An meine Mutter im Krankenhaus. An die weiße Tür, hinter der mein erstes Leben geendet hatte.

„Weil ich diesmal nicht warten werde, bis alles vorbei ist.“

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Am selben Abend verringerte ich Martas Nachhilfe. Ich erklärte ihr die Aufgaben einmal und verwies dann auf das Lehrbuch. Sie lächelte weiter, aber ihre Fingernägel bohrten sich in den Rand ihres Heftes.

„Du hast dich verändert“, sagte sie um einundzwanzig Uhr im Wohnheimzimmer.

„Vielleicht habe ich gelernt, Grenzen zu setzen.“

„Wer redet dir so etwas ein?“

„Niemand.“

„Du bist ohne mich nicht so klug, wie du glaubst.“

Der Satz traf mich. Nicht weil er wahr war, sondern weil ich ihn schon einmal geglaubt hatte.

In dieser Nacht stellte ich eine kleine Kamera in meinem Bücherregal auf. Keine heimliche Aufnahme von Gesprächen, nur der Blick auf meinen Schreibtisch und den abschließbaren Schrank mit meinen Unterlagen. Außerdem bat ich Professor Weber, die nächste Übungsklausur nicht mehr im Sekretariat, sondern in seinem persönlichen Tresor aufzubewahren.

Drei Tage später rief er mich kurz vor Mitternacht an.

„Lucía, kommen Sie sofort in mein Büro.“

„Was ist passiert?“

Seine Stimme war so leise, dass ich kaum atmete.

„Jemand war in meinem Zimmer. Und auf Ihrem Schreibtisch liegt eine Kopie der neuen Klausur.“

„Eine Kopie?“

„Mit Ihrer Handschrift.“

Ich starrte auf die dunkle Fensterscheibe des Wohnheims. Hinter mir bewegte sich Marta im Schlaf.

„Professor, haben Sie die Tür abgeschlossen?“

„Ja.“

„Dann war es jemand mit einem Schlüssel.“

Am anderen Ende hörte ich, wie er Luft holte.

„Nein“, sagte er. „Jemand hatte keinen Schlüssel. Jemand wusste, wo der Ersatzschlüssel liegt. Und die Kamera im Flur hat diese Person aufgenommen…

TEIL 3

„…und sie trägt denselben roten Schal wie Marta.“

Professor Weber sagte den Satz am Montagmorgen um sieben Uhr zehn. Ich saß ihm gegenüber, während Regen gegen die Fensterscheibe seines Büros schlug. Auf dem Tisch lagen der Laborbericht, Ausdrucke der Überwachungskamera und drei Seiten mit meiner angeblichen Handschrift.

„Sie sind sicher?“, fragte ich.

„Die Aufnahme ist körnig, aber eindeutig genug, um eine Untersuchung zu rechtfertigen.“

Er startete das Video.

Marta erschien im Flur, den roten Schal eng um den Hals gewickelt. Sie sah sich um, öffnete mit einem Schlüssel den Schrank neben Webers Büro und nahm einen Umschlag heraus. Danach setzte sie sich an meinen Schreibtisch, legte ein Blatt neben die Lampe und schrieb langsam einige Formeln ab.

Ich erkannte die Bewegung ihrer Hand. Sie machte die Sieben mit einem Querstrich. Genau wie ich.

„Sie hat meine Schrift jahrelang studiert“, sagte ich.

Professor Weber nickte.

„Und sie hat die Prüfung gestohlen.“

„Nicht nur das.“

Er schob mir einen zweiten Bericht zu. Darin standen die Laborwerte, der Name des Wirkstoffs und die genaue Konzentration.

„Die Menge war nicht tödlich“, sagte er. „Aber bei täglicher Einnahme kann sie Gedächtnis, Aufmerksamkeit und Reaktionsfähigkeit erheblich beeinträchtigen.“

Meine Hände zitterten.

„Sie wollte, dass ich bei der Prüfung versage.“

„Ja.“

„Und danach sollte ich als Betrügerin erscheinen.“

„Ihre Handschrift auf der Spicknotiz wäre dafür ausreichend gewesen.“

Ich schloss für einen Moment die Augen. In meinem ersten Leben hatte ich im Verhörraum immer wieder gesagt: „Das ist nicht meine Schrift.“ Niemand hatte mir geglaubt.

Jetzt lag die Wahrheit auf dem Tisch.

Um neun Uhr versammelten sich Professor Weber, die Dekanin Frau Krüger, ein Mitarbeiter der Hochschulsicherheit und ich in einem kleinen Besprechungsraum. Marta wurde zehn Minuten später hereingeführt. Sie trug den roten Schal.

„Was soll das?“, fragte sie. „Ich habe eine Vorlesung.“

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Frau Krüger deutete auf den Stuhl.

„Setzen Sie sich, Frau Cifuentes.“

Marta sah mich an.

„Lucía, was hast du getan?“

„Ich habe nichts getan.“

Professor Weber legte die Ausdrucke vor sie.

„Erkennen Sie sich auf dieser Aufnahme?“

Marta wurde blass, fing sich aber sofort.

„Das könnte jede Frau sein.“

„Nicht mit Ihrem Schal und Ihrem Schlüsselbund“, sagte der Sicherheitsmitarbeiter.

Marta griff nach dem Bericht.

„Das ist lächerlich. Lucía ist besessen von mir. Sie hat mich immer beneidet.“

Ich schob den Laborbericht über den Tisch.

„Dann erklär mir das.“

Ihre Augen wanderten über die markierte Zeile.

„Ich habe dir nichts gegeben.“

„Das Essen kam jeden Tag von dir.“

„Das beweist gar nichts.“

„Du hast es selbst bestellt.“

„Ich wollte dir helfen!“

Ihre Stimme brach. Zum ersten Mal fiel die freundliche Maske ab.

„Du hattest alles“, zischte sie. „Gute Noten, Anerkennung, einen Professor, der dich mochte. Ich brauchte nur eine einzige Chance.“

„Du hättest lernen können.“

„Ich habe gelernt! Ich habe gelernt, dass Menschen wie du immer bekommen, was sie wollen.“

Professor Weber sah sie hart an.

„Die Klausur wurde aus meinem verschlossenen Schrank gestohlen. Ihre Fingerabdrücke befinden sich auf dem Umschlag. Außerdem wurde Ihr Zugang zum Wohnheimcomputer protokolliert.“

Marta stand auf.

„Das ist eine Verschwörung.“

„Nein“, sagte ich. „Es ist die Wahrheit, die du diesmal nicht fälschen kannst.“

In diesem Moment vibrierte ihr Telefon. Sie nahm es heraus. Auf dem Display stand eine unbekannte Nummer. Marta las die Nachricht und verlor jede Farbe aus dem Gesicht.

„Was steht dort?“, fragte Frau Krüger.

Marta antwortete nicht.

Professor Weber nahm das Telefon nicht an sich. Er wartete nur.

Schließlich las Marta die Nachricht laut vor: „Wenn du heute nicht bezahlst, schicke ich die restlichen Aufnahmen an die Polizei.“

Niemand bewegte sich.

„Wer ist das?“, fragte ich.

Marta blickte mich an, und in ihren Augen lag plötzlich keine Wut mehr, sondern nackte Angst.

„Du verstehst nicht“, flüsterte sie. „Ich war nicht allein…

LETZTER TEIL

Dann hörte Marta ihre eigene Stimme aus dem Lautsprecher…

Ich dachte, die Wahrheit würde nur meine Vergangenheit retten. Doch sie zwang mich, eine Entscheidung zu treffen, die viel schwerer war.
Was danach geschah, veränderte nicht nur mein Studium.

In diesem Moment hörte sie sich selbst zum ersten Mal wirklich zu.
„Ich komme nicht zurück.“
Danach wurde es vollkommen still.

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