TEIL 4
— Frau Bergmann, wir haben gerade eine zweite Vollmacht gefunden. Und wenn sie echt ist, gehört Ihr Haus vielleicht bereits jemand anderem.
Die Stimme gehörte dem Polizisten, der im Flur stand. Er hielt einen durchsichtigen Beutel in der Hand. Darin lag ein weiterer Umschlag mit Helenes Namen.
Richard wurde auf halbem Weg zum Streifenwagen zurückgebracht.
Mara wartete bereits im Büro am Südring, die Arme vor der Brust verschränkt. Sie war eine gepflegte Frau mit schwarzem Mantel und einer goldenen Uhr, deren Zeiger laut gegen das Glas tickten.
— Ich habe damit nichts zu tun — sagte sie.
— Sie haben die Vollmacht eingereicht — antwortete der Beamte.
— Richard hat mich getäuscht.
Richard fuhr herum.
— Du hast die Unterlagen vorbereitet!
— Und du hast die Opfer ausgesucht.
— Du hast die Konten überprüft!
— Weil du mir die Daten gegeben hast.
Beide schwiegen.
Zum ersten Mal hörte Richard seine eigenen Worte aus dem Mund eines anderen Menschen. Nicht aus einer Aufnahme. Nicht aus meiner Erinnerung. Direkt vor sich, laut und ohne die freundliche Stimme, mit der er meine Mutter umworben hatte.
Ich öffnete die Tasche und nahm das Aufnahmegerät heraus.
— Wir sollten das gemeinsam anhören.
— Das ist illegal — sagte Richard.
— Du hast es selbst aufgenommen, als du Chloe nicht bemerkt hast.
Der Polizist drückte die Wiedergabe-Taste.
Richards Stimme erklang im kleinen Büro.
Alte Menschen unterschreiben alles, wenn man ihnen genug Zuneigung vorspielt.
Mara sah zur Seite.
Richard wurde rot.
Dann kam die zweite Stelle.
Die wird sich schuldig fühlen, weil sie ihrer Mutter nicht vertraut hat.
Sein Gesicht verlor jede Farbe.
Er griff nach dem Tisch, aber der Polizist stellte sich dazwischen.
— Setzen Sie sich.
— Ich meinte das nicht so.
— Was genau meinten Sie nicht so?
Richard öffnete den Mund und schloss ihn wieder.
Helene stand neben mir. Sie zitterte noch, aber sie wich keinen Schritt zurück.
— Du hast jeden Sonntag um halb acht das Haus verlassen, weil du dachtest, wir würden dir nicht folgen — sagte sie.
— Ich musste vorsichtig sein.
— Nein. Du wolltest Zeit gewinnen.
Die zweite Vollmacht war tatsächlich gefälscht. Sie enthielt einen angeblichen Kaufvertrag für Helenes Haus und eine Klausel, nach der Richard das Recht erhalten sollte, es sofort zu verkaufen. Die Bank sperrte alle Konten, der Notar wurde noch in derselben Nacht informiert, und eine Ermittlerin nahm die Namen der anderen Frauen aus dem Ordner auf.
Richard und Mara wurden festgenommen.
Aber das war nicht der Moment, in dem ich mich frei fühlte.
Der kam am nächsten Morgen.
Wir saßen in der Bankfiliale. Helene trug einen dunkelblauen Pullover und hielt ihre alte braune Geldbörse auf dem Schoß. Ihre Hände lagen ruhig auf dem Reißverschluss.
— Ich möchte alle Vollmachten widerrufen — sagte sie.
Die Bankangestellte nickte.
— Und ich möchte, dass meine Tochter Clara künftig als alleinige Vertrauensperson eingetragen wird.
Ich wollte widersprechen.
— Mama, du musst nicht alles mir überlassen.
— Ich überlasse dir nicht mein Leben. Ich hole es mir zurück.
Drei Tage später mussten wir Richards Sachen aus dem kleinen Gästezimmer holen, in dem er bei seinen Besuchen immer seine Aktentasche abgestellt hatte. Sein Rasierwasser stand noch auf dem Waschbecken. Eine einzelne Zahnbürste lag in einem Glas, als würde er jeden Augenblick wiederkommen.
Auf dem Stuhl hing sein dunkelgrauer Schal.
Helene nahm ihn in die Hand, betrachtete ihn lange und legte ihn dann in einen Karton.
— Soll ich ihn wegwerfen?
— Nein — sagte sie. — Aber ich werde ihn auch nicht behalten.
Im Schrank fanden wir eine zweite Schicht ihres roten Kleides. Richard hatte ihr gesagt, es sehe zu auffällig aus. Sie hatte es seit Monaten nicht mehr getragen.
Helene zog es heraus und strich über den Stoff.
— Ich dachte, ich hätte mich für ihn verändert.
— Vielleicht hast du dich für dich selbst verändert.
Sie lächelte zum ersten Mal ohne Traurigkeit.
— Dann trage ich es nächste Woche zum Friseur.
Die Ermittlungen dauerten Monate. Die Bank stellte fest, dass Richard und Mara bereits fünf ältere Frauen mit ähnlichen Vollmachten ins Visier genommen hatten. Eine von ihnen hatte ihr Haus verloren, bevor jemand den Betrug bemerkte.
Richard behauptete bis zuletzt, er habe Helene geliebt.
Sein Anwalt rief mich einmal an.
— Herr Keller würde gern mit Ihrer Mutter sprechen. Nur fünf Minuten.
— Nein.
— Er möchte sich entschuldigen.
— Eine Entschuldigung ist keine Eintrittskarte zurück in ihr Leben.
— Sie könnten helfen, seine Strafe zu mildern.
— Das ist nicht meine Aufgabe.
Am Tag der ersten Anhörung hörte Richard im Gerichtssaal seine Aufnahme noch einmal. Er saß neben Mara, die Hände gefesselt, den Blick auf den Boden gerichtet.
Als seine eigene Stimme erklang, schloss er die Augen.
Ich sah, wie sich seine Finger um die Kante des Tisches krampften.
Er hörte, was er gesagt hatte.
Und diesmal konnte er niemandem die Schuld geben.
Wochen später begann Helene, zweimal in der Woche im Gemeinschaftsgarten zu arbeiten. Sie pflanzte Ringelblumen, schnitt Rosmarin und trug wieder Parfüm. Nicht das teure, das Richard ihr geschenkt hatte. Ein kleines Fläschchen mit Zitronenduft, das sie selbst ausgesucht hatte.
Chloe besuchte sie jeden Mittwoch nach der Schule. Sie half beim Streichen des Gartenhäuschens und erzählte von ihren Prüfungen.
Eines Abends saßen wir auf der Veranda. Der erste Schnee fiel und blieb auf dem Geländer liegen, das Richard einst repariert hatte.
— Mama — sagte ich — hast du manchmal Angst, wieder jemandem zu vertrauen?
Helene blickte auf die weißen Flocken.
— Ich habe Angst, mich selbst wieder zu verlieren.
— Das wirst du nicht.
— Woher willst du das wissen?
— Weil du jetzt auf dich hörst.
Chloe kam mit drei Tassen Tee nach draußen. Auf ihrer Tasse klebte ein kleiner Aufkleber mit einer schief gezeichneten Sonne.
— Oma, ich habe etwas für dich.
Sie reichte Helene ein Bild. Darauf standen drei Frauen vor einem Haus. Über dem Dach war ein rotes Kleid gemalt.
— Das sind wir — erklärte Chloe. — Und das ist dein neues Leben.
Helene strich über das Bild.
— Warum ist Richard nicht darauf?
— Weil er nicht dazugehört.
Meine Mutter lachte leise. Es war ein unsicheres Lachen, aber es wurde stärker.
Ein weiterer Monat verging.
Dann kam Richards letzte Nachricht.
Ich habe alles verloren. Aber du könntest verhindern, dass ich auch dich verliere. Ich war nicht nur wegen des Geldes bei dir.
Helene las sie zweimal.
— Soll ich antworten? — fragte sie.
— Nur, wenn du möchtest.
Sie nahm einen Stift, schrieb einen einzigen Satz und legte das Telefon danach in die Schublade.
Ich möchte mein Leben nicht wieder mit deiner Erklärung verwechseln.
Dann löschte sie die Nachricht.
Am nächsten Sonntag backte sie erneut einen Schokoladenkuchen. Diesmal stellte sie ihn nicht auf den Tisch, um auf jemanden zu warten. Sie schnitt ihn in vier Stücke, obwohl wir nur zu dritt waren, und brachte eines der Nachbarin im Erdgeschoss.
Um 19:26 Uhr sah sie auf die Uhr.
Für einen kurzen Moment wurde ihr Gesicht ernst.
Dann stand sie auf, nahm die alte Aktentasche aus dem Schrank und öffnete sie. Wir hatten sie behalten, nicht wegen Richard, sondern wegen der Beweise, die uns gerettet hatten.
Helene legte das dunkelgrüne Samttuch hinein und schloss den Verschluss.
— Was machst du damit? — fragte Chloe.
Meine Mutter ging zur Tür und stellte die Tasche neben die Mülltonne.
— Ich gebe der Vergangenheit ihre Form zurück.
Draußen begann der Schnee stärker zu fallen. Das rote Kleid hing über einem Stuhl, der Zitronenduft lag in der Luft, und aus der Küche kam das leise Ticken der Uhr.
Helene schloss die Tür.
Diesmal ging niemand vor dem Nachtisch.
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