Als Greg Mercer mir im Onyx Room den Arm verdrehte, sah ich im Gesicht des gefährlichsten Mannes von Chicago etwas, das mir mehr Angst machte als sein Ruf.
Es war 2.30 Uhr morgens. Regen peitschte gegen die hohen Fenster, und die Leuchtreklame der Nachbarstraße zitterte auf der nassen Mahagonitheke. Greg roch nach billigem Wodka und Pfefferminzbonbons, während seine Finger sich um mein Handgelenk schlossen.
„Komm schon, Norah“, lallte er. „Mein Wagen steht draußen. Du willst doch nicht allein nach Hause laufen.“
„Lass mich los.“
„Sei nicht so schwierig.“
Ich spürte den Druck seiner Finger bis in die Knochen. Unter meinem schwarzen Haar steckte die kleine Messingspange in Form einer Schwalbe, die meiner Mutter gehört hatte. Ich trug sie jeden Abend, weil sie das Einzige war, das von ihr übrig geblieben war, abgesehen von drei unbezahlten Rechnungen und einem Foto ohne Rückseite.
Greg zog stärker.
Also ging ich auf ihn zu, statt zurückzuweichen. Mein Ellbogen traf genau die empfindliche Stelle an seinem Unterarm. Er schrie auf, ließ mich los und presste die andere Hand auf die schmerzende Stelle.
„Die Rechnung ist geschlossen“, sagte ich. „Arthur bringt dich hinaus.“
„Du kleine—“
„Arthur.“
Der Türsteher kam sofort. Greg fluchte, aber er wusste, wann ein Abend vorbei war. Ich nahm das Tuch und wischte den feuchten Handabdruck von der Theke. Meine Knie zitterten erst, als niemand mehr hinsah.
Dann blickte ich zum hinteren Separee.
Dominic Costa saß dort wie immer allein. Dunkler Anzug, schweres Kristallglas, unbewegliche Schultern. Doch sein Glas war leer. Und er lächelte.
Nicht freundlich. Eher wie ein Raubtier, das gerade bemerkt hatte, dass die Beute Zähne besaß.
Um 2.47 Uhr brachte ich ihm einen neuen Whisky. Die Eiswürfel klirrten auf dem schwarzen Granittisch.
„Sie hätten mich nicht so ansehen müssen“, sagte ich.
„Wie habe ich Sie angesehen?“
„Als hätten Sie gerade etwas gekauft.“
Sein Blick glitt zu meiner Messingschwalbe, die im Licht der Lampe aufblitzte.
„Sie kaufen sich selbst“, sagte er. „Das ist ein Unterschied.“
Ich stellte das Glas ab. „Dann kaufen Sie sich doch jemanden, der Ihnen zuhört.“
„Das habe ich versucht. Die meisten reden zu viel.“
„Und ich?“
„Sie reden gerade genug, um gefährlich zu werden.“
In meiner Brust breitete sich eine kalte Unruhe aus. Dominic Costa war nicht der Mann, über den man Witze machte. Zwei Jahre zuvor hatte ein Gewerkschaftsführer gegen ihn ausgesagt und war wenige Tage später verschwunden. Niemand hatte Dominic je etwas nachweisen können. Niemand musste es.
Um 3.08 Uhr schloss der Besitzer die Kasse. Die letzten Gäste gingen, und im Saal blieb nur der Geruch nach Zitronenwachs und nasser Wolle. Ich zog meinen Mantel an, als Dominic neben der Hintertür auftauchte.
„Sie gehen allein?“
„Seit ich laufen kann.“
„Das sollten Sie heute ändern.“
Ich lachte kurz, obwohl mir nicht danach war. „Ist das ein Angebot oder eine Drohung?“
„Eine Feststellung.“
Dann hörte ich draußen Reifen über das Pflaster scharren. Ein schwarzer Lieferwagen hielt ohne Licht vor dem Hintereingang. Dominic wurde augenblicklich still.
Er griff in seine Jacke und zog eine dünne braune Mappe hervor. Seine Finger lagen bereits auf dem Verschluss, als auf der anderen Seite der Tür jemand langsam den Griff herunterdrückte…
TEIL 2
Der Türgriff bewegte sich noch einmal. Dominic schob mich hinter sich, so schnell, dass mein Rücken gegen die kalte Backsteinwand prallte.
„Bleiben Sie dort“, sagte er.
„Ich lasse mich nicht gern herumkommandieren.“
„Dann betrachten Sie es als seltene Gelegenheit, mich zu enttäuschen.“
Die Tür flog auf. Arthur stand davor, bleich und außer Atem. In seiner rechten Hand hielt er keinen Schlüssel, sondern einen zusammengefalteten Zettel.
„Der Wagen ist weg“, sagte er. „Aber jemand hat das hier unter die Scheibenwischer gelegt.“
Dominic nahm den Zettel. Das Papier war nass, doch eine einzige Zeile war lesbar: Heute Nacht endet die Bedienung.
Mein Magen zog sich zusammen.
„Was soll das heißen?“, fragte ich.
Dominic antwortete nicht. Er betrachtete mich, dann die Schwalbenspange in meinem Haar.
„Woher haben Sie die?“
„Von meiner Mutter.“
„Hat sie Ihnen jemals erzählt, warum sie sie besaß?“
„Meine Mutter erzählte mir nicht einmal, warum sie an einem Dienstag verschwand.“
Arthurs Gesicht veränderte sich. Dominic bemerkte es ebenfalls.
„Sie wissen etwas“, sagte ich.
„Ich weiß, dass wir hier nicht bleiben können“, erwiderte Arthur.
„Das war keine Antwort.“
Dominic öffnete die Hintertür nur einen Spalt. Der Regen war stärker geworden. Auf dem Asphalt stand ein zweiter Wagen, diesmal mit abgeschalteten Scheinwerfern.
„Sie steigen mit mir ein“, sagte er.
„Nein.“
„Norah.“
„Ich fahre nicht mit Männern mit, die mir keine Fragen beantworten.“
Sein Kiefer spannte sich an. Zum ersten Mal wirkte er nicht unnahbar, sondern müde. Eine dünne Narbe zog sich von seinem linken Ohr bis zum Kragen.
„Dann beantworte ich eine“, sagte er. „Jemand sucht nach Ihnen.“
„Warum?“
„Weil er glaubt, dass Sie etwas besitzen.“
„Was denn?“
„Das versuche ich herauszufinden.“
Um 3.21 Uhr saßen wir in seinem Wagen. Der Innenraum roch nach Leder, Pfefferminze und kaltem Rauch. Ich hielt meine Tasche auf dem Schoß und umklammerte die Schwalbenspange, bis die scharfe Kante in meine Handfläche drückte.
Dominic fuhr nicht zu mir nach Hause, sondern zu einem alten Stadthaus am See. Zwei Männer kontrollierten die Straße, bevor sie das Tor öffneten.
„Ich wohne nicht hier“, sagte ich.
„Das war der Sinn.“
Im Arbeitszimmer lag auf dem Schreibtisch dieselbe braune Mappe. Daneben stand ein Glas Wasser, in dem ein einzelner Eiswürfel langsam zerbrach.
„Ihr Vater hieß Daniel Hayes“, sagte Dominic.
Ich wurde so still, dass ich mein eigenes Atmen hörte.
„Mein Vater starb, als ich zwölf war.“
„Das wurde Ihnen gesagt.“
„Sie kannten ihn?“
„Er arbeitete für meine Familie.“
„Als was?“
Dominic hob den Blick. „Als jemand, der wusste, wann Männer logen.“
Er erzählte mir, dass Daniel vor fünfzehn Jahren die Bücher der Costa-Firmen geprüft hatte. Dann hatte er Unregelmäßigkeiten entdeckt. Geld verschwand, Namen wurden aus Verträgen gestrichen, und ein Mann namens Viktor Bellini begann, eigene Befehle zu erteilen.
„Mein Vater war kein Verbrecher“, sagte ich.
„Nein.“
„Aber Sie sind einer.“
Die Worte lagen zwischen uns wie eine zerbrochene Flasche.
Dominic nahm sie hin. „Ja.“
Ich stand auf. „Dann bringen Sie mich nach Hause.“
„Das kann ich nicht.“
„Weil Sie mich beschützen wollen?“
„Weil die Männer, die heute Nacht kamen, bereits in Ihrer Wohnung waren.“
Er legte ein Foto auf den Tisch. Meine Tür. Das zerbrochene Schloss. Ein schwarzer Kreidestrich am Rahmen.
Mir wurde kalt.
„Warum haben sie mich noch nicht angegriffen?“
Dominic öffnete die Mappe. Darin lag ein einzelnes Blatt, gefaltet und mit meinem Namen versehen.
„Weil sie warten, dass Sie es selbst öffnen“, sagte er. „Und weil sie wissen wollen, ob Sie allein sind.“
Ich sah ihn an. „Und wenn ich nicht allein sein will?“
Sein Blick sank auf meine Hand.
„Dann heiraten Sie mich.“
Ich starrte ihn an. Draußen schlug Regen gegen die Fenster.
„Das ist Ihr Schutzplan?“
„Es ist der einzige, den meine Feinde ernst nehmen.“
Ich lachte ungläubig. „Dann heiraten Sie mich doch, Herr Costa.“
Dominic griff in die Innentasche seines Sakkos. „Erledigt.“
Er legte einen schmalen Ring auf den Tisch. Im selben Augenblick klingelte sein Telefon. Er nahm ab, sagte kein Wort und hörte zu.
Dann wurde sein Gesicht hart.
„Wer?“, fragte ich.
Dominic blickte mich an. „Der Mann, der Ihren Vater getötet hat, ist wieder in der Stadt. Und er hat gerade den Standesbeamten bestochen…“
TEIL 3
„…damit unsere Hochzeit morgen früh stattfindet“, beendete Dominic den Satz.
Ich sah auf den Ring. Ein schlichter, dunkler Stein, eingefasst in mattes Metall. Kein Schmuck für eine Braut, sondern etwas, das aussah, als hätte es eine Geschichte überstanden.
„Sie haben ihn schon vorbereitet“, sagte ich.
„Ich habe ihn vor drei Jahren gekauft.“
„Für wen?“
„Für die Frau, die nicht vor mir zurückweicht.“
„Das ist keine Antwort.“
„Es ist die ehrlichste, die ich habe.“
Um 6.10 Uhr saßen wir in einem kleinen Frühstücksraum im ersten Stock. Die Vorhänge waren zugezogen, der Kaffee schmeckte verbrannt, und meine Hände lagen flach auf dem Tisch, damit Dominic ihr Zittern nicht sah.
„Ich will die Mappe öffnen“, sagte ich.
„Nein.“
„Sie haben mich in dieses Haus gebracht, mir meinen Vater erklärt und mir einen Ring gegeben. Jetzt sagen Sie mir nicht, ich solle still sitzen.“
Dominic stellte die Tasse ab. Das Porzellan klirrte.
„Wenn Sie sie öffnen, gibt es kein Zurück.“
„Für mich gab es seit dem zerbrochenen Schloss kein Zurück.“
Arthur stand an der Tür. Neben ihm wartete eine Frau mit strengem grauem Kostüm. Sie stellte sich als Elise Hartmann vor, Dominics Anwältin.
„Norah“, sagte sie, „bevor Sie entscheiden, sollten Sie wissen, dass die Mappe nicht nur Daniels Namen enthält.“
„Was dann?“
„Eine Aufnahme.“
Dominic fuhr herum. „Elise.“
„Sie muss es hören.“
Die Anwältin legte ein kleines Aufnahmegerät auf den Tisch. Das Gehäuse war an einer Ecke gesprungen. Ich erkannte es sofort. Es lag seit Jahren in der Schublade meiner Mutter, zwischen Rezeptkarten und einer kaputten Uhr. Ich hatte geglaubt, es sei leer.
Elise schaltete es ein.
Zuerst war nur Rauschen zu hören. Dann eine Stimme. Mein Vater.
„Wenn Norah jemals davon erfährt, bringt sie in Sicherheit. Nicht zu den Behörden. Sie sind bereits gekauft.“
Ich presste beide Hände gegen meinen Mund.
Eine zweite Stimme antwortete. Ruhig, weich und erschreckend vertraut.
„Das Mädchen weiß nichts. Daniel wird schweigen, sobald er versteht, was mit seiner Frau passiert.“
Dominic wurde kreidebleich.
„Das ist Viktor“, sagte er.
Auf der Aufnahme knackte ein Feuer. Dann sprach mein Vater erneut.
„Du hast meine Frau töten lassen.“
„Ich habe ihr nur gezeigt, was Schweigen kostet.“
Mein Atem brach ab. Meine Mutter war nicht verschwunden. Sie war bedroht worden. Und mein Vater hatte all die Jahre versucht, mich aus einer Welt herauszuhalten, die trotzdem in mein Leben gekrochen war.
Dann kam Dominics Stimme.
„Wenn du Norah anfasst, begräbst du dich selbst.“
Ich fuhr zu ihm herum. „Sie waren dort?“
„Ich war neunzehn. Viktor war mein Onkel. Ich wusste nicht, was er plante.“
„Aber Sie wussten, dass mein Vater ihn aufgezeichnet hat.“
„Ich wusste es seit gestern.“
„Warum haben Sie es mir nicht gesagt?“
Er antwortete erst nach einigen Sekunden. „Weil ich Angst hatte, dass Sie mich genauso ansehen würden wie alle anderen.“
Ich sah auf das Gerät. „Das tue ich bereits.“
Elise schaltete die Aufnahme aus. „Damit können wir Bellini stürzen. Aber nur, wenn die Originaldatei beim Staatsanwalt landet.“
In diesem Moment vibrierte Dominics Telefon. Eine Nachricht erschien auf dem Bildschirm.
Ein Foto von Milo, meinem neunzehnjährigen Bruder, der vor seinem Ausbildungsbetrieb stand.
Darunter stand: Wenn du die Aufnahme weitergibst, verliert Norah heute ihren letzten Angehörigen.
Dominic hob langsam den Kopf.
„Woher wissen sie von Milo?“, flüsterte ich.
Arthur griff bereits nach seiner Waffe. Elise rief eine Nummer an, doch niemand nahm ab.
Dann erhielt ich selbst eine Nachricht. Kein Foto. Nur eine Adresse und eine Uhrzeit: Bahnhof LaSalle, 8.00 Uhr. Komm allein.
Ich wusste in diesem Moment, dass Viktor nicht nur meine Angst wollte. Er wollte, dass Dominic sich zwischen seine Familie und mich stellte. Und er wusste noch nicht, dass ich die Schwalbenspange in meiner Hand geöffnet hatte und darin etwas lag, das mein Vater für genau diesen Tag versteckt hatte…
Dann hörte Dominic seine eigene Stimme aus dem Lautsprecher…
Ich dachte, die größte Gefahr sei vorüber. Doch erst danach musste ich entscheiden, ob Freiheit wichtiger war als die Liebe, die mich gerettet hatte.
„Ich habe aufgehört, dich zu schützen.“
Da verstand ich, dass sich alles verändert hatte.
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