TEIL 4 — Mein Mann verschenkte beim Festessen meine Datscha an seine Mutter, doch nach meinem leisen Satz verlor er plötzlich den Appetit

TEIL 4

Am anderen Ende blieb die Beamtin kurz still.

„Frau Markowa, hören Sie mir gut zu. Kommen Sie morgen früh persönlich zu uns. Bringen Sie die Mappe und alle Nachrichten Ihres Mannes mit.“

„Wird die Datscha gesperrt?“

„Vorläufig ist sie geschützt. Aber jemand hat versucht, einen gefälschten Antrag einzureichen.“

Ich sah zu Oleg.

Er stand mitten im Esszimmer, eine Hand auf der Stuhllehne, die andere um sein Telefon gekrampft. Sein Gesicht hatte jede Farbe verloren.

„Danke“, sagte ich und beendete das Gespräch.

Sofort begann sein Telefon wieder zu klingeln.

Einmal.

Zweimal.

Beim dritten Mal nahm er ab.

„Was willst du?“, fauchte er.

Eine männliche Stimme drang aus dem Lautsprecher. „Du hast gesagt, das Grundstück sei frei von Belastungen.“

„Das war es auch.“

„Du hast gesagt, deine Frau unterschreibt.“

„Sie wird unterschreiben.“

„Nicht nach dem, was ich gerade gehört habe.“

Oleg trat zum Fenster. Draußen schlug Regen gegen das Glas.

„Hör zu, Viktor, ich brauche zwei Tage.“

„Du hast bis Montag.“

„Ich zahle.“

„Womit?“

Oleg schwieg.

Dann wurde die Verbindung beendet.

Niemand rührte sich.

Galina Petrowna sah ihn an, als säße ihr Sohn plötzlich auf der anderen Seite einer Glasscheibe.

„Du hast mich belogen“, sagte sie.

„Mama, ich habe das für uns getan.“

„Du hast gesagt, Nina schenkt mir die Datscha, weil ihr mich liebt.“

„Das war nur eine Formulierung.“

„Nur eine Formulierung?“ Ihre Stimme brach. „Du hast mich vor allen Gästen als Werkzeug benutzt.“

Oleg drehte sich zu mir.

„Nina, wir können das noch klären.“

„Nein.“

„Du weißt nicht, was passiert, wenn ich die Schulden nicht bezahle.“

„Doch. Jetzt weiß ich es.“

„Ich verliere alles.“

„Das hast du selbst riskiert.“

Er trat auf mich zu. Herr Wendt hob sofort die Hand.

„Keinen Schritt weiter.“

Oleg blieb stehen.

„Sie nehmen das zu ernst“, sagte er.

„Ihre Frau hat einen roten Abdruck am Handgelenk“, erwiderte der Notar. „Und ich habe soeben gehört, dass Sie eine nicht vorhandene Zustimmung angekündigt haben. Ich werde den Vorgang dokumentieren.“

Oleg lachte kurz. Es war ein trockenes, hohles Geräusch.

„Sie wollen mich ruinieren?“

„Nein“, sagte ich. „Ich will nur aufhören, dich zu retten.“

Frau Belowa trat neben mich. „Die Polizei wartet unten.“

Oleg wurde starr.

„Warum?“

„Weil ich sie angerufen habe, bevor ich heraufkam“, sagte sie. „Deine Großmutter hat mir damals versprochen, dass ich Nina schütze, falls du es noch einmal versuchst.“

AUCH LESEN:  Mein Sohn setzte mich nach der Beerdigung an einer Landstraße aus, doch als ich seine letzte Nachricht las, erstarrte er

Zwei Beamte kamen herein. Oleg begann sofort zu sprechen.

„Das ist ein Missverständnis. Meine Frau und ich haben nur gestritten.“

Der ältere Beamte legte ein Aufnahmegerät auf den Tisch.

„Dann hören wir uns doch an, was Sie vor neun Minuten gesagt haben.“

Oleg sah mich an.

Die Aufnahme begann.

Seine eigene Stimme füllte den Raum: „Du unterschreibst nach dem Essen. Der Notar kommt um vier.“

Dann seine zweite Stimme: „Wenn du diese Mappe öffnest, zerstörst du unsere Ehe.“

Und schließlich, ganz deutlich: „Ich brauchte die Datscha als Sicherheit.“

Oleg hörte sich selbst zu.

Er wurde grau.

„Das war aus dem Zusammenhang gerissen“, flüsterte er.

„Es gibt keinen Zusammenhang, in dem eine gefälschte Vollmacht echt wird“, sagte Herr Wendt.

Der Beamte nahm die Unterlagen an sich. „Sie kommen mit uns. Morgen wird geprüft, wer den Antrag eingereicht und wer die Unterschriften verändert hat.“

Galina Petrowna sprang auf.

„Er ist mein Sohn!“

„Und sie ist seine Ehefrau“, sagte ich. „Das hat ihn nicht davon abgehalten.“

Oleg griff nach meinem Blick, als könnte er mich damit zurückholen.

„Nina, bitte. Sag ihnen, dass wir zu Hause darüber reden.“

Ich dachte an all die Abende, an denen ich seine Briefe sortiert, seine Schulden verschwiegen und seine Mutter beruhigt hatte. Ich dachte an die Datscha, an den kleinen Ofen, an den Pflaumenbaum meiner Großmutter. Vor allem dachte ich an ihre zittrige Schrift.

„Wir haben zu Hause darüber geredet“, sagte ich. „Du hast nur nie die Wahrheit gesagt.“

Die Beamten führten ihn hinaus.

Sein Telefon blieb auf dem Tisch liegen.

Eine neue Nachricht leuchtete auf: „Wenn du die Sache nicht bis Montag regelst, kommt alles heraus.“

Am nächsten Morgen saß ich im Grundbuchamt. Die Sachbearbeiterin befestigte einen roten Aufkleber auf der Akte und erklärte, dass jede Veränderung des Eigentums bis zur vollständigen Prüfung gesperrt sei.

„Ihre Großmutter war sehr vorsichtig“, sagte sie.

Ich strich über die rote Mappe.

„Sie wusste, dass ich es einmal brauchen würde.“

In den folgenden Tagen rief Oleg aus der Untersuchungshaft an. Zuerst zehnmal am Tag. Dann schrieb er Briefe.

„Ich hatte keine Wahl.“

„Ich wollte dich schützen.“

„Deine Großmutter hat alles falsch verstanden.“

Ich beantwortete keinen davon.

Sein Rechtsanwalt rief ebenfalls an.

„Frau Markowa, wenn Sie die Anzeige zurückziehen, lässt sich vieles außergerichtlich regeln.“

„Was genau?“

„Ihr Mann könnte die Schulden in Raten begleichen.“

AUCH LESEN:  Mein Mann heiratete seine Geliebte mit meinem Geld, doch als er mit Koffern zu unserer Villa zurückkehrte, erklärte ihm der Wachmann, dass er dort nicht mehr wohnte

„Und die gefälschte Vollmacht?“

Am anderen Ende entstand eine lange Pause.

„Darüber müsste man gesondert sprechen.“

„Dann sprechen Sie mit jemand anderem.“

Ich legte auf.

Zwei Wochen später musste Oleg seine eigenen Worte vor dem Ermittler anhören. Diesmal saß ich nicht im Raum. Ich wollte nicht sehen, wie er sich herausredete.

Frau Belowa erzählte mir später, dass er zunächst auf den Tisch gestarrt hatte. Dann habe er gefragt, ob man die Aufnahme löschen könne.

Der Ermittler antwortete: „Sie haben sie selbst geliefert.“

Oleg habe den Kopf gehoben.

„Wer?“

„Ihre Frau.“

Er habe gelacht. „Sie würde so etwas niemals tun.“

Doch. Ich hatte es getan.

Nicht aus Rache.

Aus Selbstschutz.

Drei Monate später stand ich allein in der Datscha.

Die Küche war kalt. Auf der Fensterbank lag noch die kleine Blechdose, in der meine Großmutter früher Kümmelkekse aufbewahrt hatte. Ich öffnete den Ofen, legte Holz hinein und zündete ein Streichholz an.

Die Flamme spiegelte sich in der Fensterscheibe.

Im Schlafzimmer nahm ich Olegs letzten Pullover aus dem Schrank. Er hatte ihn dort vergessen, zusammen mit einem Schlüsselbund und einem Kassenzettel für ein Hotel, in dem er angeblich nie gewesen war.

Ich legte alles in eine Kiste.

Dann blieb ich vor dem leeren Haken im Flur stehen.

Dort hatte sechs Jahre lang mein roter Wollschal gehangen. Meine Großmutter hatte ihn aus alter Wolle gestrickt, mit einem kleinen Muster aus goldenen Rauten. Ich trug ihn an dem Tag, an dem ich die Datscha zum ersten Mal allein betreten hatte. Oleg hatte später immer behauptet, der Schal kratze und sehe billig aus.

Jetzt nahm ich ihn vom Haken.

Er war weich.

Ein Monat später zog ich aus der gemeinsamen Wohnung aus. Nicht weit weg. In eine helle Wohnung über einer Bäckerei, in der morgens der Duft von warmem Brot durch die Treppenhaustür stieg.

Ich begann wieder zu arbeiten. Zuerst nur halbtags in einer kleinen Buchbinderei. Meine Hände rochen nach Papier, Leim und Baumwollfaden. Abends nahm ich die rote Mappe aus der Schublade und legte sie neben die Teetasse.

Nicht mehr, weil ich Angst hatte.

Sondern weil sie mich daran erinnerte, dass jemand mich geliebt hatte, bevor ich gelernt hatte, mich selbst zu verteidigen.

Im Winter kam der erste Schnee.

Ich stand mit meiner Nichte Lida vor der Datscha. Sie war sieben und hielt einen gelben Zeichenblock unter den Arm geklemmt.

AUCH LESEN:  Mein Mann erklärte unsere Ehe für wertlos, doch als ich in Rot auf der Feier seines Feindes erschien, erlosch sein Lächeln

„Tante Nina, darf ich den Pflaumenbaum malen?“

„Natürlich.“

„Auch wenn er keine Blätter hat?“

„Gerade dann.“

Sie setzte sich auf die Holzstufe und zeichnete mit roten Wangen. Nach einer Weile hielt sie mir das Bild hin. Das Haus war schief, der Baum viel zu groß, und aus dem Schornstein kam eine gelbe Rauchwolke.

„Da wohnt jetzt dein Mut“, sagte sie.

Ich musste lachen.

„Wer hat dir das gesagt?“

„Niemand. Das sehe ich.“

Am selben Abend kam eine Nachricht von Oleg.

„Ich bin bald frei. Lass uns neu anfangen. Ich habe verstanden, was ich verlieren kann.“

Ich las sie zweimal.

Dann schrieb ich: „Du hast nicht verstanden, was du verlieren kannst. Du hast verstanden, dass du mich nicht mehr benutzen kannst. Ich wünsche dir, dass du dein Leben trotzdem ordnest. Aber nicht mehr mit mir.“

Ich löschte die Nachricht nicht. Ich ließ sie stehen.

Eine Stunde später antwortete er: „Du wirst allein bleiben.“

Ich legte das Telefon weg und ging in die Küche. Unter dem Fenster hing der rote Wollschal. Ich hatte ihn gewaschen und sorgfältig getrocknet. Seine goldenen Rauten leuchteten im Licht der kleinen Lampe.

Draußen fiel der Schnee auf den Pflaumenbaum.

Im Ofen knackte ein Holzscheit.

Ich band die rote Mappe mit ihrem ausgefransten Leinenband zu und legte sie in den Schrank, nicht versteckt, sondern sichtbar.

Dann löschte ich das Licht.

Die Datscha gehörte endlich wieder mir.

Missed the beginning?

← Read the story from part one

Rate article
Comments: 1
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!: