Meine Schwiegermutter verlangte das dritte Zimmer meiner geerbten Wohnung für ihre Tochter, doch als ich widersprach, verstummte plötzlich ihr Lächeln

Als meine Schwiegermutter in unserer neuen Wohnung die dritte Tür öffnete und erklärte, wem sie künftig gehören sollte, ließ ich beinahe die Tasse fallen.

Es war ein Samstag im frühen November, kurz nach zehn Uhr, und draußen klatschte kalter Regen gegen die frisch geputzten Fensterscheiben. Ich stand in der Küche unserer geerbten Dreizimmerwohnung und hielt eine Tasse mit kleinen gelben Zitronen darauf in der Hand. Diese Tasse hatte meiner Tante Lida gehört. Sie hatte immer daraus getrunken, wenn ich sie besuchte.

Galia Petrowna ging durch den Flur, als wäre sie die Besitzerin. Ihre Absätze klackten auf dem neuen Parkett. Neben ihr stand ihre Tochter Inna, die eine Handtasche aus glänzendem Leder trug und mit den Augen jeden Schrank, jede Lampe und jedes Bild prüfte.

— Drei Zimmer, Christina, sagte meine Schwiegermutter und blieb vor der letzten Tür stehen. — Das ist doch viel zu viel für zwei Menschen.

Oleg, mein Mann, kam aus dem Wohnzimmer. In seiner Hand hielt er noch einen Schraubenzieher, weil er versucht hatte, eine lose Schranktür zu befestigen.

— Mama, wir haben die Zimmer bereits geplant, sagte er vorsichtig. — Das hier wird mein Arbeitszimmer. Vielleicht später ein Kinderzimmer.

Inna lächelte dünn.

— Später? Ich brauche es jetzt.

Die Tasse in meiner Hand klirrte gegen die Untertasse.

— Wie bitte?

Inna stellte ihre Tasche auf die Kommode und strich mit zwei Fingern über deren glänzende Oberfläche.

— Meine Wohnung wurde verkauft. Der neue Eigentümer will, dass ich in drei Wochen ausziehe. Ich kann nicht auf der Straße schlafen.

— Das tut mir leid, sagte ich. — Aber ihr könnt doch vorübergehend bei eurer Mutter wohnen.

Galia Petrowna drehte sich zu mir um. Ihr Gesicht wurde hart.

— Bei mir ist kein Platz. Und du hast eine ganze Wohnung.

— Unsere Wohnung, korrigierte ich.

Für einen Augenblick hörte ich nur den Regen und das leise Brummen des Kühlschranks. Oleg senkte den Schraubenzieher.

— Christina, fang bitte nicht an, sagte er.

Dieser Satz traf mich stärker als die Forderung seiner Mutter. Nicht Inna sollte sich schämen. Ich sollte schweigen.

Ich stellte die Tasse ab. Ein dünner Riss lief bereits über den Rand, genau wie damals, als Tante Lida sie auf den Küchentisch fallen ließ und sagte, manche Dinge hielten nur, weil man sie vorsichtig behandelte.

— Tante Lida hat mir die Wohnung vererbt, sagte ich ruhig. — Sie hat sie mir hinterlassen, weil ich sie gepflegt habe, weil ich für sie da war. Niemand hat das Recht, mir ein Zimmer wegzunehmen.

— Niemand nimmt dir etwas weg, erwiderte Galia Petrowna. — Inna wohnt dort nur vorübergehend.

— Wie lange ist vorübergehend?

— Bis sie wieder auf den Beinen ist.

Inna verschränkte die Arme.

— Ich werde nicht um Erlaubnis bitten, in der Familie meines Bruders zu leben.

Oleg rieb sich über den Nacken. Das war seine Bewegung, wenn er eine unangenehme Wahrheit kannte, sie aber nicht aussprechen wollte.

— Wir können doch eine Lösung finden, sagte er.

— Welche Lösung? fragte ich. — Dass ich in unserem Schlafzimmer schlafe und Inna mein Arbeitszimmer bekommt? Oder soll ich gleich mein eigenes Zuhause verlassen?

Galia Petrowna trat näher. Ich roch ihr schweres Parfüm, süß und stechend wie überreife Pflaumen.

— Du bist in diese Familie gekommen und hast sofort alles an dich gerissen. Die Wohnung, das Geld, jetzt auch noch die Entscheidungshoheit.

— Ich habe nichts an mich gerissen. Ich habe geerbt.

— Erben kann man vieles, wenn man sich rechtzeitig beliebt macht.

Oleg hob den Kopf.

— Mama!

Aber seine Mutter sah nicht ihn an. Sie starrte auf mich, als hätte sie nur auf diesen Moment gewartet.

Dann zog sie einen Schlüsselbund aus ihrer Manteltasche und legte einen einzelnen Messingschlüssel auf den Tisch.

— Inna zieht am Montag ein, sagte sie. — Und wenn du dich weiter querstellst, wird Oleg entscheiden müssen, auf wessen Seite er steht.

Mein Mann wurde blass.

Ich wollte antworten, doch in diesem Moment vibrierte mein Telefon auf der Arbeitsplatte. Eine unbekannte Nummer. Als ich ranging, sagte niemand etwas. Nur ein leises Rascheln war zu hören.

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Dann flüsterte eine fremde Männerstimme:

— Öffnen Sie heute noch die blaue Mappe, bevor Ihr Mann es tut…

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TEIL 2

„…bevor Ihr Mann es tut.“ Danach brach die Verbindung ab.

Ich blieb in der Küche stehen und starrte auf mein Telefon. Das Display wurde dunkel. In der spiegelnden Fläche sah ich Galia Petrownas Gesicht, Inna mit dem zusammengepressten Mund und Oleg, der aussah, als hätte man ihm den Boden unter den Füßen weggezogen.

— Wer war das? fragte er.

— Das weiß ich nicht.

— Was für eine blaue Mappe?

Ich sah ihn an.

— Du weißt es also?

Seine Finger schlossen sich um den Schraubenzieher. Die rote Kunststoffkappe bohrte sich in seine Handfläche.

— Nein, Christina. Ich habe keine Ahnung.

— Dann warum bist du so blass?

Galia Petrowna schnappte nach Luft.

— Diese lächerliche Telefonstimme soll jetzt wichtiger sein als meine Tochter?

— Deine Tochter versucht gerade, in unser Haus einzuziehen, sagte ich. — Und jemand warnt mich davor, etwas zu öffnen. Ja, das ist im Augenblick wichtiger.

Oleg stellte den Schraubenzieher auf den Tisch.

— Wir reden später allein darüber.

— Nein. Wir reden jetzt.

Inna nahm ihren Schlüsselbund wieder an sich. Der Messingschlüssel klimperte gegen ihre Ringe.

— Ihr seid beide unglaublich. Ich brauche Hilfe und bekomme stattdessen Verhöre.

— Du bekommst kein Zimmer, sagte ich.

Ihre Augen wurden feucht, aber keine Träne fiel.

— Dann weiß ich jetzt, was ich meinem Bruder bedeute.

Galia Petrowna griff nach ihrer Hand.

— Komm, Inna. Manche Menschen werden erst reich und vergessen dann, wer sie waren.

Die Wohnungstür schlug zu. Der Knall ließ die Tasse mit den Zitronen auf dem Tisch erzittern.

Oleg wartete, bis ihre Schritte im Treppenhaus verschwunden waren.

— Du hättest nicht so hart sein müssen.

— Und du hättest deiner Mutter sagen können, dass sie nicht über mein Eigentum verfügt.

— Über unser Eigentum.

— Nein, Oleg. Rechtlich gehört die Wohnung mir. Das weißt du.

Er wandte sich ab. Unter dem Fenster stand noch ein Karton mit Büchern von Tante Lida. Ich hatte ihn seit dem Einzug nicht geöffnet, weil ich das Gefühl gehabt hatte, ihre Handschrift nicht zu ertragen. Auf dem Deckel klebte ein vergilbter Zettel: „Für Christina. Erst öffnen, wenn du nicht mehr weißt, wem du glauben kannst.“

Mein Herz begann zu rasen.

— Den Karton hast du gesehen? fragte Oleg.

Er drehte sich zu schnell um.

— Welchen Karton?

Ich zeigte darauf. Sein Blick fiel auf den Zettel, und für einen winzigen Moment veränderte sich sein Gesicht. Nicht Überraschung. Angst.

— Ich würde ihn an deiner Stelle nicht öffnen, sagte er.

— Warum?

— Weil Lida am Ende ihres Lebens nicht mehr klar war.

— Sie war klar genug, um mir die Wohnung zu vererben.

Oleg setzte sich auf den Rand des Sofas. Die neue Polsterung gab unter seinem Gewicht leise nach.

— Deine Tante hatte Streit mit meiner Mutter.

— Wegen was?

— Wegen Geld. Wegen alter Familiengeschichten. Es ist kompliziert.

— Dann erklär es mir.

Er presste beide Hände an die Schläfen.

— Nicht heute.

In derselben Nacht schlief Oleg auf dem Sofa. Ich lag im Schlafzimmer, aber bei jedem Geräusch öffnete ich die Augen. Um zwei Uhr hörte ich Schritte im Flur. Um halb drei das Schaben einer Schublade. Als ich die Tür einen Spalt öffnete, sah ich Oleg vor dem Karton stehen.

— Was machst du da? fragte ich.

Er fuhr herum. In seiner Hand hielt er einen kleinen silbernen Schlüssel.

— Ich wollte nur nachsehen, ob darin wichtige Unterlagen sind.

— Gib ihn mir.

— Christina, bitte.

— Gib. Ihn. Mir.

Er legte den Schlüssel nicht in meine Hand. Stattdessen ging er zur Wohnungstür, öffnete sie und trat in den dunklen Hausflur.

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— Wohin gehst du?

— Zu meiner Mutter. Wir müssen reden.

— Um diese Uhrzeit?

Er antwortete nicht.

Am nächsten Morgen fehlte der Karton. Auch Oleg war nicht da. Auf dem Küchentisch lag nur ein gefalteter Zettel. Die Handschrift war nicht seine.

„Wenn Sie die Wahrheit wollen, kommen Sie um zwölf Uhr zum alten Notariat in der Lindenstraße. Bringen Sie den Schlüssel mit. Vertrauen Sie niemandem, der behauptet, Ihr Mann zu sein.“

Um kurz vor zwölf stand ich vor dem Notariat. Die Messingtafel am Eingang war blind vor Regen. Ein Mann mit braunem Wollschal wartete unter dem Vordach.

— Frau Berger? fragte er.

— Wer sind Sie?

— Martin Keller. Ich war der Notar Ihrer Tante.

Er öffnete die Tür, doch bevor ich eintreten konnte, sah ich am Ende der Straße Olegs Wagen. Der Motor lief. Neben ihm saß Galia Petrowna.

Martin Keller packte mich am Arm.

— Wenn Ihr Mann Sie hier sieht, ist alles verloren.

— Was ist in der Mappe?

Er blickte zur Straße. Olegs Wagen setzte sich langsam in Bewegung.

— Nicht die Mappe ist das Gefährliche, sagte er. — Sondern der Name, der darin steht…

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TEIL 3

„…sondern der Name, der darin steht.“ Martin Keller zog mich in den dunklen Eingangsbereich des Notariats. Die Tür fiel hinter uns ins Schloss, und sofort war der Regen nur noch ein dumpfes Trommeln gegen die Scheiben.

— Sie müssen mir alles erklären, sagte ich. — Sofort.

— Das werde ich. Aber zuerst müssen Sie verstehen, dass Ihre Tante nicht nur eine Wohnung hinterlassen hat.

Er führte mich in ein kleines Büro. Die Wände rochen nach Staub und Bohnerwachs. Auf dem Schreibtisch lag die blaue Mappe, deren Ecken vom Alter abgerieben waren. Daneben lag der Karton mit meinen Büchern.

— Woher haben Sie ihn? fragte ich.

— Ihr Mann brachte ihn heute Morgen. Er wollte, dass ich die Mappe herausgebe.

Ich spürte, wie sich mein Magen zusammenzog.

— Hat er sie geöffnet?

— Nein. Er hatte keinen Schlüssel. Aber er wusste genau, wonach er suchen musste.

Martin Keller nahm den kleinen silbernen Schlüssel aus meiner Hand. Er passte in ein Schloss an der Mappe. Als der Verschluss klickte, zitterten meine Finger.

— Ihre Tante Lida bat mich, diese Unterlagen nur Ihnen auszuhändigen, sagte er. — Und zwar erst, wenn Ihre Ehe in Gefahr gerät.

Ich lachte fassungslos.

— Sie wusste, dass mein Mann mich wegen einer Wohnung verlassen könnte?

— Sie wusste, dass seine Familie versuchen würde, Sie unter Druck zu setzen.

Er öffnete die Mappe.

Oben lag eine beglaubigte Kopie des ursprünglichen Kaufvertrags. Darunter befanden sich Kontoauszüge, handschriftliche Notizen und eine Tonaufnahme auf einem kleinen Speichergerät. Ganz unten lag ein Umschlag mit einem Namen.

Oleg Petrowitsch Sokolow.

Ich konnte nicht atmen.

— Was bedeutet das? fragte ich.

Martin Keller schob mir den Kaufvertrag zu.

— Ihre Tante hat die Wohnung vor acht Jahren gekauft. Nicht mit ihrem eigenen Geld. Das Geld stammte aus einer Lebensversicherung, die nach dem Tod ihres Bruders ausgezahlt wurde.

— Ihres Bruders?

— Viktor Sokolow. Olegs Vater.

Der Raum schien sich zu neigen.

— Das kann nicht sein. Oleg hat immer gesagt, sein Vater habe fast nichts hinterlassen.

— Das war gelogen. Viktor hatte eine geheime Vereinbarung mit Lida. Er wusste, dass seine Frau und sein Sohn seine Schulden verschwiegen hatten. Deshalb vertraute er Lida das Geld an und bat sie, es für eine bestimmte Person zu sichern.

— Für wen?

Martin Keller nahm den Umschlag.

— Für Sie.

Ich starrte ihn an.

— Für mich? Ich kannte Viktor kaum.

— Er wusste, dass Sie die Einzige waren, die Lida regelmäßig besuchte. Außerdem hatte er vor seinem Tod erfahren, dass Oleg die Wohnung, die er später kaufen wollte, mit diesem Geld finanzieren wollte. Er wollte verhindern, dass seine Familie Sie ausnimmt.

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Martin Keller schaltete das Speichergerät ein. Zuerst rauschte es. Dann hörte ich Lidas Stimme, schwach, aber eindeutig.

„Christina, wenn du das hörst, hat Oleg wahrscheinlich bereits versucht, dich zum Teilen zu zwingen. Die Wohnung gehört dir allein. Nicht deiner Schwiegermutter. Nicht Inna. Und auch nicht meinem Neffen.“

Meine Augen füllten sich mit Tränen.

Die Aufnahme ging weiter.

„Oleg wusste, dass sein Vater das Geld für dich bestimmt hatte. Er hat mir vor zwei Jahren gedroht. Er sagte, wenn ich nicht unterschreibe, würde er behaupten, ich sei verwirrt. Ich habe alles aufgezeichnet. Bitte glaube ihm nicht, wenn er sagt, es gehe nur um seine Schwester.“

Martin Keller stoppte die Aufnahme.

Im selben Moment flog die Tür auf. Oleg stand im Eingang. Hinter ihm Galia Petrowna. Ihr Gesicht war kreidebleich.

— Du hast sie geöffnet, sagte Oleg.

— Ja.

— Du verstehst nicht, was du da tust.

— Ich verstehe endlich, was du getan hast.

Galia Petrowna klammerte sich an den Türrahmen.

— Diese Aufnahme ist wertlos. Eine kranke alte Frau kann alles gesagt haben.

Martin Keller erhob sich.

— Die Tonaufnahme wurde notariell versiegelt. Ihre Echtheit wurde vor Lidas Tod bestätigt.

Oleg trat auf mich zu.

— Christina, hör mir zu. Ich wollte dich nie betrügen.

— Du hast den Karton genommen.

— Ich wollte nur verhindern, dass alles eskaliert.

— Du hast deiner Mutter einen Schlüssel gegeben.

Er schwieg.

Martin Keller legte weitere Papiere auf den Tisch.

— Hier ist außerdem eine Vollmacht. Oleg hat versucht, im Namen seiner Frau einen Antrag auf Untervermietung des dritten Zimmers einzureichen. Mit einer gefälschten Unterschrift.

Olegs Mund öffnete sich, aber kein Ton kam heraus.

Ich sah ihn an und erkannte plötzlich, dass die Angst in seinem Gesicht nicht mir galt. Er fürchtete nicht, mich zu verlieren.

Er fürchtete, die Kontrolle zu verlieren.

Mein Telefon klingelte. Eine unbekannte Nummer aus der Stadtverwaltung. Ich nahm ab.

— Frau Berger? Hier spricht die Ermittlerin Jana Reimann. Wir haben soeben eine Anzeige erhalten. Es geht um einen Einbruch in Ihre Wohnung und um Unterlagen, die dort verschwunden sein sollen. Die Kameras des Hauses zeigen Ihren Mann und seine Mutter.

Oleg drehte sich langsam zu Galia Petrowna um.

— Du hast gesagt, niemand würde uns dabei sehen.

Seine Mutter schloss die Augen.

Martin Keller griff nach dem letzten Blatt.

— Es gibt noch etwas, Frau Berger. Dieses Dokument wurde heute früh beim Grundbuchamt eingereicht. Wenn es bestätigt wird, betrifft es nicht nur Ihre Wohnung, sondern auch eine zweite Immobilie, von der bisher niemand gesprochen hat…

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DER FINALE TEIL

Als ich seine letzte Nachricht las, wusste ich, dass ich frei war…

Im letzten Teil kommt alles ans Licht. Und eine Entscheidung verändert nicht nur meine Wohnung, sondern mein ganzes Leben.

Im letzten Gespräch sagte ich nur:
„Das war deine Entscheidung.“
Danach senkte er den Blick.

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