TEIL 4 — Ich wollte vier ausgewachsene Löwen aus dem Schutzgebiet bringen lassen, doch als Kato auftauchte, wurde der Ranger plötzlich kreidebleich

TEIL 4

…sondern aus der Forschungsstation, wo seine eigene Tochter auf ihn wartete.

Ich fuhr mit Samuel und Elias hinter Victor her. Kato blieb nicht allein zurück. Nala stellte sich vor ihn, während Amara den Weg zum Wasserfall bewachte. Die vier Löwen bewegten sich nicht wie eine zufällige Gruppe. Sie bildeten einen Kreis um ihn, genau wie damals, als sie noch blind und hilflos gewesen waren.

Der Regen setzte wieder ein.

Nicht stark. Nur fein und kalt.

Als wir die Forschungsstation erreichten, schlugen bereits Flammen aus dem Dach des Archivs. Die Fenster platzten. Papier wirbelte wie schwarze Vögel über den Hof.

Eine Frau stand vor dem Eingang und hielt einen Metallkoffer an die Brust gedrückt. Sie war vielleicht dreißig, trug eine durchnässte rote Jacke und hatte Ruß auf der Wange.

Victor sprang aus dem Wagen.

— Mara! Was machst du hier?

— Ich rette, was du vernichten wolltest.

Er blieb stehen.

Seine Tochter öffnete den Koffer. Darin lagen die Originalbänder, mehrere Festplatten und ein Umschlag mit dem Siegel der nationalen Naturschutzbehörde.

— Ich habe die Übertragung vor zwanzig Minuten abgeschickt, sagte Mara. — Alles ist dort. Deine Berichte. Deine Aufnahmen. Die Zahlungen von der Jagdfirma. Auch der Befehl, Kato verschwinden zu lassen.

Victors Mund öffnete sich, aber kein Ton kam heraus.

Samuel zog ihm die Handschellen an.

— Sie sind festgenommen wegen illegaler Jagd, Bestechung, Tierquälerei und Behinderung der Ermittlungen.

Victor sah mich an.

— Sie haben keine Ahnung, was dieses Gebiet ohne mich wert ist.

— Das stimmt, sagte ich. — Ich weiß nur, was es mit Ihnen geworden wäre.

Im selben Moment kam die Tierärztin aus dem brennenden Gebäude. Sie hustete und hielt sich eine Hand vor den Mund.

— Kato lebt, sagte sie. — Die Kugel steckt nicht tief. Aber er braucht Ruhe und Behandlung.

Ich hätte mich beinahe auf den Boden gesetzt.

Monatelang hatte ich geglaubt, Kato sei längst tot. Ich hatte mir eingeredet, dass die vier Löwen nur in meiner Erinnerung weiterlebten. Nun stand seine Familie im Regen, und jeder von ihnen bewachte ihn, als könne allein ihre Nähe sein Herz schlagen lassen.

Victor wurde abgeführt.

Mara blieb zurück.

— Ich wusste nichts davon, sagte sie. — Nicht alles. Ich dachte, mein Vater schützt den Wald.

— Manche Menschen nennen Kontrolle Schutz, sagte ich.

Sie sah zu den Flammen.

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— Werden die Akten überleben?

Elias hob den Metallkoffer.

— Genug davon.

Am nächsten Morgen hörte Victor seine eigene Stimme.

Nicht in einem Gerichtssaal. Nicht vor einer Menschenmenge.

In einem kleinen Vernehmungsraum mit gelben Wänden und einem Tisch, auf dem ein zerkratzter Wasserkrug stand.

Die Ermittlerin spielte die Aufnahme ab.

„Die Tiere müssen verschwinden. Der Silberrücken ist alt. Die Löwen werden ihn zu uns führen.“

Victor saß auf der anderen Seite des Tisches. Zuerst verschränkte er die Arme. Dann sah er zur Tür. Beim dritten Abspielen sank sein Blick auf seine Hände.

— Das habe ich nicht so gemeint, sagte er.

Die Ermittlerin stoppte die Aufnahme.

— Wie haben Sie es gemeint?

— Es war eine Einschätzung.

— Sie haben einen bewaffneten Trupp geschickt.

— Wegen der Sicherheit.

— Sie haben Kato angeschossen.

Victor schwieg.

Die Ermittlerin startete die Aufnahme erneut. Diesmal folgte unmittelbar das Bild von Nala, die Katos Stirn berührte.

Victor hörte sein eigenes Lachen.

„Tiere erinnern sich nicht an so etwas.“

Er wurde blass.

Denn nun sah er, was wir alle gesehen hatten: Vier ausgewachsene Löwen, die einem verwundeten Gorilla nicht aus Instinkt folgten, sondern aus Entscheidung.

Seine Entscheidung hatte aus Kato ein Hindernis gemacht.

Ihre Entscheidung hatte ihn gerettet.

Am Nachmittag brachte ich die gefesselten Unterlagen aus dem Archiv in die provisorische Krankenstation. Kato lag dort auf einer dicken Matte. Die Wunde war verbunden. Nala ruhte vor dem Eingang, Sefu hielt Wache am Zaun, und Amara lag mit geschlossenen Augen neben dem Tisch.

Jabari war verschwunden.

Ich fand ihn hinter dem Gebäude. Er stand vor einem verbrannten Regal. Zwischen den Ascheresten lag ein kleines Bambuspfeifchen, schwarz an den Rändern.

Mein Bambuspfeifchen.

Ich hatte geglaubt, es verloren zu haben.

Jabari stupste es mit der Nase an. Als ich es aufhob, legte er seine breite Schnauze auf meine Schulter. Sein Atem war warm. Für einen Augenblick war ich wieder am Fluss, fünfundzwanzig Jahre jünger, durchnässt und überzeugt, dass die Natur nur aus Hunger und Flucht bestand.

Ich nahm das Pfeifchen in die Hand.

Es war gesprungen.

Aber es war nicht zerbrochen.

Drei Wochen später war der Fall öffentlich. Victors Genehmigungen wurden widerrufen. Die Jagdfirma verlor ihre Zulassung. Zwei Männer aus seinem Trupp legten Geständnisse ab. Mara übernahm die Leitung der Station, nachdem sie die Ermittler in das versteckte Archiv geführt hatte.

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Kato erholte sich langsam.

Die vier Löwen blieben bei ihm, bis er wieder selbstständig gehen konnte. Danach zogen sie sich in das nördliche Tal zurück. Niemand versuchte mehr, sie einzufangen. Ein neues Schutzgebiet wurde eingerichtet, und die Menschen lernten, Abstand zu halten.

Ich verließ Uganda erst Monate später.

Nicht für immer.

Ich zog nach Entebbe und begann, für eine kleine Stiftung zu arbeiten, die verletzte Tiere auswilderte. Jeden Morgen um fünf Uhr trank ich bitteren Kaffee auf der Veranda. Danach öffnete ich die Berichte, die Victor hatte verschwinden lassen, und schrieb Katos Geschichte neu.

Nicht als Wunder.

Als Tatsache.

An einem warmen Abend im Oktober kam Mara mit ihrem kleinen Sohn zu mir. Der Junge hieß Daniel, nach mir, obwohl ich protestiert hatte. Er hielt ein Bild in den Händen.

Darauf waren ein großer Gorilla und vier Löwen unter einem grünen Baum zu sehen. Der Gorilla hatte viel zu große Hände. Einer der Löwen trug eine rote Schleife um den Hals.

— Das ist Kato, sagte der Junge.

— Ja.

— Ist er dein Freund?

Ich sah durch das Fenster zum dunkler werdenden Himmel.

— Er war mehr als das.

— Dein Vater?

Meine Kehle wurde eng.

— Auf seine Weise.

Der Junge dachte lange darüber nach.

— Dann hat er gut aufgepasst.

— Das hat er.

Im folgenden Januar fiel in Entebbe zum ersten Mal seit Jahren ungewöhnlich kalter Regen. Ich saß am Fenster, als mein Telefon klingelte.

Victor.

Ich nahm nicht ab.

Eine Minute später kam eine Nachricht.

„Ich habe einen Antrag gestellt. Ich möchte mit Ihnen über Kato sprechen. Sie schulden mir wenigstens ein Gespräch.“

Ich las den Satz zweimal.

Dann schrieb ich zurück: „Ich schulde Ihnen nichts.“

Er antwortete sofort.

„Sie verstehen nicht, dass ich alles verloren habe.“

Ich legte das Telefon mit dem Bildschirm nach unten.

Mara saß neben mir und sagte nichts.

Nach einer Weile fragte sie:

— Tut es weh?

— Früher hätte ich ihm geantwortet.

— Und jetzt?

Ich sah auf das Bambuspfeifchen, das in einem kleinen Holzrahmen auf meinem Schreibtisch lag. Die verbrannte Stelle war noch sichtbar. Ein feiner Riss zog sich durch das Mundstück, aber wenn ich es gegen das Licht hielt, konnte ich darin noch die helle Farbe des alten Holzes erkennen.

— Jetzt lasse ich die Stille antworten.

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Im Frühjahr kam die Nachricht aus dem nördlichen Tal. Die vier Löwen waren wieder gesichtet worden. Nala führte die Gruppe. Sefu hatte zwei Junge. Amara und Jabari blieben bei ihr. Kato war nicht mehr bei ihnen.

Er war friedlich eingeschlafen, unter einem Feigenbaum, mit dem Kopf auf dem Arm, den die Kugel verletzt hatte.

Die Ranger fanden um ihn herum vier verschiedene Spuren.

Keine davon führte weg.

Ich flog ein letztes Mal hin. Die Lichtung war still. Nur Blätter raschelten im Wind. Auf einem niedrigen Ast hing ein Stück Stoff, das Nala dort zurückgelassen hatte. Ich berührte es nicht.

Stattdessen legte ich mein Bambuspfeifchen auf den Stein, an dem Kato einst gelegen hatte.

Ich blies hinein.

Der Ton war brüchig und leise.

Aus dem Wald kam keine Antwort.

Aber weit oben auf dem Bergrücken bewegten sich vier goldene Gestalten. Sie blieben stehen, drehten sich gleichzeitig um und sahen zu mir zurück.

Dann verschwanden sie zwischen den Bäumen.

Ich nahm das Pfeifchen wieder an mich und ging allein zum Fluss.

Dort, wo alles begonnen hatte, war das Wasser ruhig.

Und zum ersten Mal musste niemand gerettet werden.

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