TEIL 4
Der zweite Beschluss betraf Julian persönlich.
Er las nur die erste Zeile, dann ließ er das Blatt sinken.
— Das ist ein Irrtum, sagte er.
Niemand antwortete.
Die Rechtsbeiständin nahm ihm das Telefon aus der Hand, bevor er eine Nummer wählen konnte.
— Sie werden jetzt nichts mehr löschen, verschieben oder erklären.
— Ich muss mit meinem Anwalt sprechen.
— Ihr Anwalt hat bereits angerufen, sagte sie. — Er beendet das Mandat.
Julian starrte sie an.
— Er kann mich nicht einfach im Stich lassen.
— Er kann sehr wohl ablehnen, einen Mandanten zu vertreten, der ihm gerade mitgeteilt hat, er habe Beweise vernichtet.
Eleanor begann zu weinen. Nicht laut. Nur ein dünnes, erschöpftes Geräusch, das in dem großen Saal fast unterging.
Die Beamten führten Julian hinaus.
Als er an mir vorbeikam, blieb er stehen.
— Du hast alles zerstört.
Ich dachte an die Küche. An die Flamme. An die Schere an meinem Hals.
— Nein, sagte ich. — Du hast es selbst getan.
Am selben Nachmittag wurde Nordhafen Beratung durchsucht. Die Beamten fanden Rechnungen, Entwürfe, Nachrichten und eine zweite Festplatte in einem verschlossenen Fach hinter Julians Schreibtisch.
Darauf lag die Datei, die den letzten Zweifel beseitigte.
Eine Tonaufnahme.
Julian hatte sie zwei Wochen vor meiner Prüfung mit Eleanor geführt.
„Wenn sie morgen durchfällt, gehört das Modell uns“, sagte er darin. „Und wenn sie nicht durchfällt, sorgen wir dafür, dass niemand ihr glaubt.“
Eleanor antwortete: „Sie muss nur aussehen wie jemand, dem man nicht zuhört.“
Ich saß im Büro der Rechtsbeiständin, als sie mir die Aufnahme vorspielte.
Zum ersten Mal hörte ich ihre Stimmen nicht aus der Erinnerung, sondern aus einem Lautsprecher. Klar. Nüchtern. Fast gelangweilt.
Julian hatte sich selbst verraten.
Nach der Prüfung kam Miriam mit einem Umschlag zu mir. Darin lag die Entscheidung des Ausschusses: Ausgezeichnet bestanden.
Ich las die Worte zweimal.
Dann setzte ich mich auf den Flur und weinte.
Nicht, weil ich gewonnen hatte.
Sondern weil ich endlich aufhörte, mich dafür zu entschuldigen, dass ich existierte.
Am nächsten Morgen ging ich zurück in die Wohnung, begleitet von einer Beamtin. Julian befand sich in Gewahrsam, Eleanor war zu ihrer Schwester gefahren.
Die Küche sah aus wie nach einem Sturm.
Auf der Arbeitsplatte standen noch zwei Tassen. Eine war zerbrochen. Neben dem Herd lag ein verkohltes Stück Plastik.
Ich hob es nicht auf.
Im Schlafzimmer war der Schrank halb leer. Julian hatte in der Nacht vor seiner Festnahme noch versucht, Kleidung und Unterlagen mitzunehmen. Meine Seite des Regals war unberührt.
Auf dem Bett lag ein einziges Foto von unserer Hochzeit. Er hatte es nicht mitgenommen.
Ich drehte es um.
Darunter klebte ein kleiner schwarzer Streifen von meinem pflaumenfarbenen Seidentuch. Offenbar war er beim Packen daran hängen geblieben.
Ich nahm das Foto, aber nicht den Streifen.
Drei Wochen später zog ich in eine kleine Wohnung in Heidelberg. Das Fenster meines neuen Arbeitszimmers ging auf einen Innenhof hinaus, in dem jeden Morgen ein Lieferwagen rückwärts piepte.
Es war kein schöner Klang.
Aber er gehörte mir.
Ich bekam eine Stelle am Institut für angewandte Modellforschung. Mein erster Arbeitstag begann mit einem wackeligen Schreibtisch, einer zu starken Kaffeemaschine und einer Kollegin, die mir wortlos eine Schachtel mit Haarklammern hinstellte.
— Für später, sagte sie.
Ich lachte zum ersten Mal seit Monaten.
Mein Haar wuchs langsam nach. Die Narbe an meiner Wange wurde blasser, blieb aber sichtbar, wenn das Licht von der Seite kam.
Ich bedeckte sie nicht mehr.
Im November fiel der erste Schnee. Meine kleine Nichte Clara besuchte mich und malte mit Wachsstiften an meinem Küchentisch. Sie zeichnete eine Frau mit kurzen Haaren, einem riesigen blauen Himmel und roten Strahlen um den Kopf.
— Das bist du, erklärte sie.
— Warum strahle ich?
Clara sah mich an, als wäre die Antwort selbstverständlich.
— Weil du wieder sehen kannst.
Ich musste mich abwenden, damit sie meine Tränen nicht bemerkte.
Der Prozess begann im Frühjahr. Julian wurde wegen Körperverletzung, Nötigung, versuchter Datenvernichtung und Betrugs verurteilt. Eleanor erhielt eine Bewährungsstrafe und musste die Behandlungskosten übernehmen. Die Universität bestätigte öffentlich meine Urheberschaft. Nordhafen verlor seine wichtigsten Verträge.
Ich ging zu jedem Termin.
Nicht aus Rache.
Weil ich nicht mehr bereit war, mich aus meiner eigenen Geschichte entfernen zu lassen.
Julian sprach bei der Urteilsverkündung kaum. Er sah älter aus, kleiner. Als der Richter ihn fragte, ob er noch etwas sagen wolle, blickte er zu mir.
— Ich habe sie geliebt, sagte er.
Ich antwortete nicht.
Liebe ist kein Wort, das eine geschlossene Faust sauber macht.
Monate später lag eines Abends eine Nachricht in meinem Briefkasten. Kein Absender. Nur mein Name, mit Julians Handschrift geschrieben.
„Lena, ich habe verstanden, was ich verloren habe. Wir könnten noch einmal anfangen. Ich brauche keine Antworten. Nur zehn Minuten.“
Ich las die Zeilen am Küchentisch, während draußen Schnee gegen das Fenster trieb.
Dann nahm ich ein Blatt Papier.
„Nein. Ich wünsche dir, dass du lernst, mit deinen Entscheidungen zu leben. Aber ich werde nicht mehr darin wohnen.“
Ich steckte die Antwort in den Briefkasten.
Danach schaltete ich das Licht aus.
Auf meinem Schreibtisch lagen die drei Papierkopien aus der alten Wohnung. Die Kanten waren geknickt, eine Seite trug noch einen dunklen Brandfleck. Ich hatte sie rahmen lassen, nicht als Trophäe, sondern als Erinnerung daran, dass ich in jener Nacht trotz aller Angst einen Ausweg gefunden hatte.
Clara hatte daneben ihr Bild gelegt. Die Frau mit den kurzen Haaren stand unter einem offenen Himmel.
Der Stoff meines pflaumenfarbenen Seidentuchs hing über der Stuhllehne. An einer Stelle war er eingerissen, genau dort, wo die Schere ihn beinahe erwischt hatte.
Ich strich mit den Fingern über den Riss.
Dann nahm ich das Tuch und band es nicht um meinen Kopf.
Ich band es um den Griff meiner Schreibtischschublade, in der meine Forschung lag.
Die Schublade schloss lautlos.
Und diesmal gehörte der Schlüssel mir.
Missed the beginning?












