Meine Verlobte beugte sich über mein Krankenbett und flüsterte einen Satz, bei dem selbst der Arzt neben ihr erstarrte

Die Polizei hatte meinen Wagen noch nicht von der Schnellstraße geborgen, als meine Verlobte bereits mit meinem Anwalt über mein Erbe sprach.

Fünf Tage zuvor lag ich in einem privaten Zimmer des St.-Vinzenz-Krankenhauses in Manhattan. Es war kurz nach sechs Uhr morgens, und der Regen schlug gegen die hohen Fenster, als wolle er in mein Zimmer eindringen. Meine Rippen waren gebrochen, Blut klebte noch immer an meiner Zunge, und jeder Atemzug fühlte sich an wie ein Messer unter der Haut.

Mein Fahrer Nico war tot.

Ich nicht. Aber alle sollten glauben, dass ich es beinahe war.

— Herr Moretti befindet sich weiterhin im tiefen Koma — sagte Dr. Levin am Fußende des Bettes.

Ich hörte die Bewegung seines Kittels und spürte, wie jemand meine Hand anhob, um den Puls zu prüfen. Ich blieb reglos. Nicht einmal meine Wimpern durften zucken.

— Wie lange kann dieser Zustand dauern? — fragte mein Cousin Anthony.

— Tage. Wochen. Vielleicht länger.

Anthony atmete schwer aus.

— Dann muss jemand vorübergehend die Geschäfte übernehmen.

Seine Finger trommelten auf das Metallgitter meines Bettes. Dreimal langsam. Genau dieses Geräusch hatte er schon in meiner Kindheit gemacht, wenn er log.

Am Vormittag kamen die Menschen, denen ich vertraut hatte. Mein engster Vertrauter weinte am Fenster und rief dabei heimlich jemanden an. Ein einflussreicher Abgeordneter versprach Unterstützung bei einem „geordneten Übergang“. Mein Anwalt Hartmann sprach mit erschreckender Ruhe über meine Treuhandkonten und die Vollmachten.

Ich wollte die Augen öffnen.

Ich wollte sie alle aus dem Zimmer werfen.

Doch ich lag still und hörte zu.

Um halb drei kam Veronika Hale. Ihr schwarzes Kleid raschelte über den Marmorboden, und ihr Parfüm roch nach weißen Lilien und kaltem Rauch. Vor den Krankenschwestern weinte sie mit einer einzigen, sorgfältig platzierten Träne.

— Er darf nicht allein sein — sagte sie.

Als die Tür zufiel, verschwand ihre Trauer.

— Du hättest alles unterschreiben sollen, Dominik — zischte sie.

Ihre Hand legte sich auf meine Brust, genau dort, wo der Verband unter dem Hemd spannte.

— Du bist sechsundvierzig, kein unbesiegbarer König. Es wäre einfacher gewesen, wenn du vernünftig geblieben wärst.

Mein Herz schlug so hart, dass ich fürchtete, sie könnte es hören.

Sie beugte sich näher zu meinem Ohr.

— Wenn du stirbst, bevor Freitag kommt, bewegt sich das Geld schneller.

Dann küsste sie meine Stirn.

Ich blieb still.

Am Abend, kurz nach neun, betrat Grace Miller das Zimmer. Sie war die Hausangestellte, die seit sechs Monaten meine Wohnung reinigte. Menschen wie Veronika redeten über Grace, als wäre sie ein Möbelstück. Grace trug eine dunkelgrüne Strickjacke, an deren Hals eine dünne Kette mit einem kleinen Messingfingerhut hing. Sie sagte, der Fingerhut habe ihrer Mutter gehört.

Grace stellte die Lilien auf den Tisch.

— Ich hasse diese Blumen — murmelte sie. — Sie riechen wie ein Begräbnis, das sich als Hochzeit verkleidet.

Fast hätte ich gelächelt.

Sie zog meine Decke höher, obwohl niemand zusah. Dann beugte sie sich über mich.

— Herr Moretti? Ich habe sie gehört.

Mein kleiner Finger bewegte sich.

Grace erstarrte.

— Frau Hale — flüsterte sie — und noch jemanden. Sie planen, den Unfall zu beenden.

Ihre Hand schob sich unter die Decke und berührte meine Finger.

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— Ich habe etwas gefunden. Etwas, das uns beide umbringen kann.

Sie zog eine flache Mappe aus ihrem Reinigungskorb. Ihre Hand schwebte bereits über dem Verschluss, während draußen Schritte vor der Tür näher kamen…

TEIL 2

Grace hielt die Mappe noch immer in der Hand, als die Schritte vor der Tür stehen blieben.

Ich öffnete die Augen nur einen Spalt.

— Unter das Bett — formte ich lautlos.

Sie verstand sofort. Die Mappe verschwand unter dem Laken, und Grace griff nach dem Wasserglas. Im nächsten Augenblick ging die Tür auf.

Anthony erschien im Rahmen. Sein Mantel war nass, an seinem rechten Ärmel klebte ein dunkler Regentropfen. Hinter ihm stand Hartmann mit einem Ledermäppchen.

— Wie geht es unserem armen Dominik? — fragte Anthony.

Grace senkte den Kopf.

— Unverändert.

— Sie können gehen — sagte Hartmann.

— Die Decke sitzt nicht richtig.

Anthony sah sie an.

— Er spürt das nicht.

— Vielleicht nicht. Ich schon.

Für einen Moment lag etwas Hartes in seinem Blick. Dann lächelte er.

— Immer so gewissenhaft.

Grace stellte das Glas ab. Der kleine Messingfingerhut an ihrer Kette klirrte leise gegen den Rand des Bettes. Ich merkte mir das Geräusch. Ein winziger, klarer Ton in einem Raum voller Lügen.

Als die beiden Männer gegangen waren, schloss Grace die Tür wieder. Es war kurz nach zehn. Im Flur roch es nach Desinfektionsmittel und nasser Wolle.

— Wie viel hast du gehört? — fragte ich.

Meine Stimme war kaum mehr als ein Kratzen.

Grace setzte sich auf den Stuhl neben mir.

— Genug, um zu wissen, dass Sie nicht zufällig verunglückt sind.

— Was hast du gefunden?

Sie zog die Mappe hervor. Darin lag kein Vertrag, sondern ein kleiner schwarzer Speicher, ein Bündel ausgedruckter Nachrichten und ein Schlüssel mit einer abgewetzten Nummer.

— Ich war gestern in Ihrem Haus — sagte sie. — Frau Hale ließ mich den Wintergarten reinigen. Sie dachte, ich verstehe nicht, was sie sagt, weil ich nicht aufsehe.

— Was hat sie gesagt?

— Dass die Bremsen nur der erste Versuch waren. Beim zweiten müsse jemand dafür sorgen, dass Sie nicht wieder aufwachen.

Mir wurde kalt, obwohl die Heizung zu warm eingestellt war.

Grace schob mir den Speicher hin.

— Ich habe ihn aus dem Telefon von Herrn Voss genommen. Dem Mann, der immer für Anthony fährt.

— Du hast sein Telefon gestohlen?

— Nur für sechs Minuten.

— Das ist nicht beruhigend.

— Ich bin auch nicht beruhigt.

Sie nahm den Schlüssel.

— Der gehört zu einem Schließfach im alten Bahnhof am Fluss. Ich habe ihn in einer Tasche gefunden, die Herr Hartmann in Ihrem Arbeitszimmer versteckt hatte.

In diesem Augenblick vibrierte mein Telefon auf dem Nachttisch. Grace griff danach. Eine Nachricht war eingegangen, von einer unbekannten Nummer.

„Wenn du aufwachst, stirbt zuerst die Frau, die dich gefunden hat.“

Grace las die Worte zweimal. Ihr Gesicht verlor jede Farbe.

— Sie wissen von mir.

— Noch nicht, wer du bist.

— Doch. Frau Hale hat gestern meinen Namen gesagt.

Die Tür öffnete sich, ohne dass jemand geklopft hatte.

Eine Krankenschwester kam herein. Sie war nicht die Frau, die mich bisher versorgt hatte. Ihr Lächeln war zu breit, und in ihrer Hand lag eine Spritze mit milchig trüber Flüssigkeit.

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— Zeit für Ihre Abendmedikation — sagte sie.

Grace stellte sich zwischen sie und mein Bett.

— Ich habe keine Anweisung gesehen.

— Die kam direkt vom Arzt.

— Welchem Arzt?

Die Krankenschwester blickte nicht Grace an. Sie sah nur auf mich.

— Dem, der möchte, dass Herr Moretti die Nacht nicht erlebt.

Meine Schmerzen verschwanden hinter einem klaren, kalten Zorn. Ich griff nach dem Notrufknopf, doch Grace war schneller. Sie schlug der Frau das Handgelenk gegen das Bettgitter. Die Spritze fiel zu Boden und zerbrach.

Ein stechender Geruch stieg auf.

Draußen rannte jemand los.

— Wir müssen hier weg — sagte Grace.

— Nein. Wir brauchen denjenigen, der sie geschickt hat.

Ich zog die Mappe unter der Decke hervor und zeigte auf den Schlüssel.

— Morgen früh fahren wir zum Bahnhof.

Grace sah mich an.

— Und wenn die Polizei beteiligt ist?

— Dann finden wir zuerst heraus, wem sie wirklich gehorcht.

Sie wollte antworten, doch plötzlich begann mein Telefon erneut zu klingeln. Auf dem Bildschirm erschien ein Name, den ich seit zwölf Jahren nicht mehr gesehen hatte.

Mein Vater war seit zwölf Jahren tot.

Trotzdem stand dort seine alte Nummer…

TEIL 3

Das Klingeln schnitt durch das Zimmer wie eine Sirene.

Grace und ich starrten auf den Bildschirm. Es war 22.17 Uhr. Draußen im Flur schrien zwei Pfleger, irgendwo fiel ein Metallwagen um.

Ich nahm das Telefon.

— Wer ist da?

Zuerst hörte ich nur Atemzüge. Dann eine Stimme, tief und heiser, die ich sofort erkannte.

— Du hast zu lange geschwiegen, mein Sohn.

Meine Hand verkrampfte sich um das Gerät.

— Das ist unmöglich.

— Dein Vater ist tot. Aber seine Aufnahmen sind es nicht.

Die Verbindung brach ab.

Grace hatte den Speicher bereits in den kleinen tragbaren Leser gesteckt, den sie aus der Mappe genommen hatte. Auf dem Bildschirm erschien eine Audiodatei mit dem Datum des Unfalls.

— Abspielen — sagte ich.

Das Rauschen einer Straße erfüllte den Raum. Dann kam Veronikas Stimme.

— Der Wagen fährt um sieben über die Schnellstraße. Nico nimmt immer die gleiche Ausfahrt.

Eine männliche Stimme antwortete. Anthony.

— Und wenn Dominik überlebt?

— Dann bekommt er die Spritze im Krankenhaus — sagte Veronika. — Hartmann sorgt dafür, dass niemand Fragen stellt.

Ich hörte mein eigenes Blut in den Ohren.

Die Aufnahme ging weiter.

— Nach seinem Tod geht die Mehrheit an uns — sagte Anthony. — Der Rest verschwindet über die Stiftung.

— Nicht an uns — erwiderte Veronika. — An mich.

Ein kurzes Lachen folgte. Danach sagte Hartmann:

— Der Abgeordnete ist eingeweiht. Er sorgt dafür, dass die Ermittlungen bei einem tragischen Unfall bleiben.

Grace hielt sich eine Hand vor den Mund. Ihre Augen füllten sich mit Tränen.

— Das ist die Wahrheit — flüsterte sie.

— Nein — sagte ich. — Das ist erst der Beweis, dass sie schuldig sind.

Die Tür wurde plötzlich aufgerissen. Dr. Levin stand davor, hinter ihm zwei Sicherheitsleute.

— Herr Moretti, Sie müssen sofort in den Operationsbereich gebracht werden.

— Warum?

— Ihre Werte verschlechtern sich.

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Grace trat vor mich.

— Er bleibt hier.

Dr. Levin sah auf den zerbrochenen Spritzenkörper am Boden. Sein Gesicht wurde grau.

— Sie wissen nicht, womit Sie sich einmischen.

— Doch — sagte ich. — Mit einem Mordkomplott.

Einer der Sicherheitsleute griff nach Grace. Ich riss den Notrufknopf an mich und drückte ihn. Gleichzeitig schaltete Grace die Aufnahme auf Lautsprecher.

Veronikas Stimme erfüllte den Flur.

„Die Geldbewegung geht schneller, wenn Dominik vor Freitag stirbt.“

Die Männer vor der Tür erstarrten.

Dr. Levin wich zurück.

— Woher haben Sie das?

— Aus Ihrem eigenen Krankenhaus — sagte ich.

In diesem Augenblick öffneten sich die Aufzugtüren. Zwei echte Ermittler betraten den Flur, begleitet von einer Staatsanwältin. Grace hatte offenbar vor dem Betreten des Zimmers eine Nachricht an ihre Schwester geschickt, die bei der Stadtpolizei arbeitete.

Die Staatsanwältin hielt einen Durchsuchungsbeschluss hoch.

— Niemand verlässt dieses Stockwerk.

Zum ersten Mal seit fünf Tagen konnte ich mich aufrichten. Der Schmerz war gewaltig, aber ich blieb sitzen.

— Rufen Sie Veronika an — sagte ich zu einem Ermittler. — Sagen Sie ihr, dass ich tot bin.

Grace sah mich erschrocken an.

— Warum?

— Weil sie dann zu uns kommt.

Der Ermittler nahm sein Telefon. Wenige Sekunden später meldete sich Veronika. Ihre Stimme klang erschöpft, aber erleichtert.

— Ist es vorbei?

— Herr Moretti hat es nicht geschafft — sagte der Ermittler.

Am anderen Ende blieb es still.

Dann lachte Veronika leise.

— Gut. Dann treffen wir uns morgen im Schließfachraum. Anthony bringt die Originale.

Grace und ich sahen einander an.

Im Schließfach lagen also die Originale. Vielleicht die Zahlungsbelege. Vielleicht noch etwas, das meinen Vater betraf.

Doch bevor die Ermittler losgehen konnten, vibrierte mein Telefon erneut. Diesmal kam eine Bildnachricht. Darauf war Grace zu sehen, wie sie am selben Morgen ihr Wohnhaus verließ.

Darunter stand nur ein Satz:

„Wenn ihr zum Bahnhof fahrt, wird ihre Schwester nicht mehr auf euch warten.“…

LETZTER TEIL

Dann hörte ich meine eigene Stimme aus dem Lautsprecher…

Ich dachte, der gefährlichste Teil sei vorbei. Doch die Wahrheit über meine Familie wartete noch hinter einer verschlossenen Tür.

Im Verhörraum hörte er die Aufnahme bis zum Ende.
„Sie haben es selbst gesagt.“
Da verstand er, dass seine Worte nun gegen ihn standen.

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