TEIL 4 — Ich fand den gefürchteten Hausherrn blutend im Gartenschuppen, doch als ich die Tür verriegelte, verstummte plötzlich seine Schwester

TEIL 4

Dann erlosch die Lampe.

Für einen Herzschlag war nur Emmas Atem zu hören.

Dann sprang die Notbeleuchtung an. Ein rotes Licht zitterte über den Raum, und auf meinem Telefon erschien die nächste Nachricht.

Bring Lorenzo zur Kapelle. Allein.

Lorenzo las den Bildschirm über meine Schulter.

„Sie haben jemanden im Haus“, sagte er.

„Das wissen wir.“

„Nein. Sie haben jemanden hier unten.“

Anton griff nach seiner alten Pistole, doch ich hielt seinen Arm fest.

„Wenn sie uns beobachten, warten sie genau darauf.“

„Was schlagen Sie vor?“, fragte Anton.

„Wir benutzen den zweiten Ausgang und rufen nicht die Polizei, die Bianca kontrolliert. Wir rufen die Staatsanwältin, deren Nummer auf dem Umschlag steht.“

Lorenzo starrte mich an.

„Woher wissen Sie, dass die Nummer echt ist?“

„Weil Ihr Vater sie mit Bleistift auf die Rückseite geschrieben hat. Menschen fälschen vieles. Aber nicht die Kerbe in einem Papier, das seit zwölf Jahren gefaltet wurde.“

Anton sah mich lange an.

Dann nickte er.

Wir gingen durch einen engen Tunnel, der hinter den Weinfässern begann. Lorenzo stützte sich auf mich, und jeder Schritt hinterließ einen dunklen Fleck auf dem Stein. Emma trug ihren einäugigen Hasen unter dem Arm. Der Verband mit den Bären klebte noch immer an Lorenzos Stirn.

Am Ende führte eine eiserne Leiter in eine verlassene Kapelle oberhalb des Anwesens. Es war kurz nach Mitternacht. Regen schlug gegen die bunten Fenster, und die Glocke über uns bewegte sich im Wind.

Ich wählte die Nummer.

„Staatsanwältin Keller“, meldete sich eine müde Stimme.

„Mein Name ist Lena Hartmann. Lorenzo Duca wurde angeschossen. Ich habe eine Aufnahme von Bianca Duca, in der sie den Anschlag anordnet.“

Stille.

„Wo sind Sie?“

„In der alten Kapelle des Duca-Anwesens.“

„Bleiben Sie dort. Öffnen Sie niemandem.“

„Wir brauchen einen Krankenwagen.“

„Er ist unterwegs. Und Frau Hartmann?“

„Ja?“

„Sprechen Sie weiter. Die Leitung wird gerade gesichert.“

Lorenzo sank auf eine Kirchenbank. Seine Haut war aschfahl.

„Ich werde Ihnen etwas sagen“, murmelte er.

„Später.“

„Nein. Jetzt. Ich kannte Biancas Gier. Ich wusste, dass sie meinen Vater hasste. Aber ich habe nie nachgesehen. Ich habe mir eingeredet, dass meine Familie schlimm, aber nicht verloren sei.“

„Sie müssen sich nicht entschuldigen, während Sie bluten.“

„Doch. Ich habe Sie eingestellt, weil ich glaubte, Hausangestellte würden nichts bemerken.“

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Seine Worte trafen mich härter als erwartet.

„Das war Ihr erster Fehler“, sagte ich.

„Und mein zweiter?“

„Dass Sie dachten, niemand würde Sie retten, weil Sie niemanden retten lassen.“

Da hörten wir Schritte vor der Kapelle.

Anton hob die Waffe.

„Sie kommen.“

Die Tür wurde geöffnet. Bianca trat ein, ohne Mantel, aber mit einem schwarzen Regenschirm in der Hand. Neben ihr stand Matteo, ihr Anwalt, und hinter ihnen zwei Männer.

Bianca lächelte.

„Lorenzo, du siehst schrecklich aus.“

„Du hast auf mich schießen lassen.“

„Das ist eine schwere Anschuldigung.“

„Wir haben die Aufnahme“, sagte ich.

Ihr Lächeln verschwand.

Matteo machte einen Schritt nach vorn. „Die Aufnahme ist unzulässig.“

„Vielleicht“, sagte Staatsanwältin Keller aus meinem Telefon. „Aber die Sicherungskopie, die gerade auf unserem Server landet, ist es nicht.“

Bianca erstarrte.

Hinter der Kapelle heulten Sirenen auf.

Einer der Männer ließ seine Waffe fallen. Der andere rannte zur Seitentür und wurde von zwei Polizisten zu Boden gerissen.

Matteo nahm sein Telefon heraus. Es klingelte sofort. Er hörte zu, wurde blass und steckte es wieder ein.

„Ich vertrete Sie nicht mehr“, sagte er zu Bianca.

„Du wagst es?“

„Ich habe gerade erfahren, dass Sie mein Treuhandkonto benutzt haben. Ich werde nicht für Sie ins Gefängnis gehen.“

Bianca sah Lorenzo an.

„Du glaubst, du kannst mich vernichten?“

„Nein“, sagte er. „Du hast das selbst getan.“

Dann hörte er seine eigene Stimme aus dem Lautsprecher meines Telefons. Keller hatte die Aufnahme zurückgespult und den Moment abgespielt, in dem Lorenzo vor wenigen Minuten gesagt hatte: Ich werde sie töten.

Er hörte den Satz bis zum Ende.

Sein Gesicht veränderte sich.

„Ich habe es selbst gesagt“, flüsterte er.

„Ja“, sagte ich. „Aber Sie haben es nicht getan.“

Bianca wurde abgeführt. Anton blieb im Eingang der Kapelle stehen, während sein Sohn in den Krankenwagen gebracht wurde. Als die Türen zuschlugen, suchte Lorenzo meine Hand.

„Emma“, sagte er.

„Sie ist bei mir.“

„Und Sie?“

Ich sah auf das Blut an meinen Händen.

„Ich weiß es noch nicht.“

Drei Tage später wachte Lorenzo im Krankenhaus auf. Die Kugel hatte die Rippe gestreift und eine Arterie verletzt, aber seine Lunge war tatsächlich verschont geblieben. Bianca wurde wegen versuchten Mordes, Entführung und Betrugs angeklagt. Marco gestand noch am selben Morgen. Matteo übergab sämtliche Unterlagen, um sich selbst zu retten.

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Lorenzo wollte, dass ich in die Villa zurückkam.

„Sie können die Hausleitung übernehmen“, sagte er.

„Ich will keine Hausleitung.“

„Was wollen Sie?“

Ich dachte an die dunkle Treppe, an Emmas kleine Finger und an die Jahre, in denen ich mich kleiner gemacht hatte, damit andere sich sicher fühlten.

„Eine Wohnung außerhalb der Stadt. Eine Ausbildung. Und einen Arbeitgeber, der mich nicht für unsichtbar hält.“

Er nickte.

„Sie bekommen alles.“

„Nein. Ich verdiene es.“

Zum ersten Mal widersprach er nicht.

Eine Woche später besuchte er mich mit einem Verband unter dem Hemd. Wir saßen in meiner Küche. Emma malte mit roten und gelben Stiften einen großen Kreis auf ein Blatt Papier.

„Das ist unser Haus“, erklärte sie.

„Warum ist es gelb?“, fragte Lorenzo.

„Weil es innen hell sein soll.“

Lorenzo sah mich an.

„Sie hat recht.“

Ich unterschrieb die Unterlagen für die Krankenpflegeschule. Den alten Beruf als Hausmädchen kündigte ich nicht dramatisch. Ich legte meinen Schlüssel einfach auf den Küchentisch der Villa und ging.

Keiner hielt mich auf.

Monate vergingen.

Ich zog mit Emma in eine kleine Wohnung nahe dem Fluss. Morgens roch unser Flur nach Toast und nassen Schuhen. Nachmittags lernte ich Anatomie, während Emma auf dem Teppich Krankenhaus spielte. Ihre Stofftiere waren Patienten, und der einäugige Hase bekam jeden Tag eine neue Diagnose.

Lorenzo kam selten. Wenn er kam, brachte er keine Blumen und keine teuren Geschenke. Er brachte Bücher, Obst und manchmal nur seine Ruhe mit.

Er hatte die Organisation aufgelöst, die Konten offengelegt und das Anwesen verkauft. Anton zog in ein Pflegeheim am Meer. Er besuchte seinen Sohn jeden Sonntag, auch wenn sie manchmal eine Stunde lang schwiegen.

Eines Abends fiel der erste Schnee.

Emma klebte den alten Bärenverband in ihr Erinnerungsbuch. Der Kleber war längst trocken, die lachenden Gesichter verblasst.

„Das war für den Mann aus dem Schuppen“, sagte sie.

„Ja.“

„Er war sehr groß.“

„Das war er.“

„Aber ich war mutiger.“

Ich musste lächeln.

„Das warst du.“

Später erhielt ich eine Nachricht von Bianca. Sie schrieb aus der Untersuchungshaft. Nur ein Satz stand darin: Du hast mir alles genommen.

Ich löschte die Nachricht nicht sofort. Ich las sie noch einmal, dann legte ich das Telefon weg.

Ich hatte ihr nichts genommen.

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Ich hatte nur aufgehört, ihr dabei zu helfen, mir etwas wegzunehmen.

Zwei Tage später schrieb Lorenzo. Er wolle Emma sehen. Wenn ich Nein sage, werde er es akzeptieren. Wenn ich Ja sage, werde er pünktlich sein.

Ich antwortete: Sonntag, zehn Uhr. Im Park. Eine Stunde.

Er war um halb zehn dort.

Emma rannte ihm entgegen. Lorenzo ging langsam in die Knie, obwohl die Narbe noch schmerzte, und nahm sie in die Arme.

„Du bist spät“, sagte sie.

„Ich bin eine halbe Stunde zu früh.“

„Für mich nicht.“

Er sah zu mir hinüber.

„Sie hat deine Geduld.“

„Nein“, sagte ich. „Die hat sie selbst.“

Am Nachmittag kam Schnee durch die offenen Fenster meiner Küche. Ich stellte das Erinnerungsbuch ins Regal und nahm den Stoffhasen heraus. An einer Pfote fehlte noch immer das kleine schwarze Auge, das mich einst die geheime Treppe hatte entdecken lassen.

Ich nähte kein neues Auge an.

Manche Narben musste man nicht verstecken.

Ich legte den Hasen auf die Fensterbank. Neben ihm lag der verblasste Verband mit den lachenden Bären. Draußen ging Emma durch den ersten Schnee, Lorenzo hielt ihren Schlitten, und ich stand hinter dem Glas, frei von jedem Schlüsselbund, jeder Uniform und jedem Befehl.

Der Hase hatte nur ein Auge.

Aber er sah den Weg nach Hause.

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