TEIL 4
Ich blieb mit dem Telefon am Ohr stehen.
Im Hintergrund hörte ich einen Motor laufen.
Dann brach die Verbindung ab.
— Clara? Rodrik kam auf mich zu. — Was hat er gesagt?
Ich wiederholte jedes Wort.
Viktor war bereits an der Tür. Rodrik riss sie auf, aber draußen warteten zwei Sicherheitsleute.
— Niemand verlässt das Gebäude, sagte er.
— Du kannst mich nicht festhalten, zischte Viktor.
— Ich halte dich nicht fest. Ich verhindere nur, dass du weitere Menschen erreichst.
Sein Telefon klingelte erneut. Dieses Mal war es die Pflegeheimleiterin.
— Ihr Vater ist in seinem Zimmer, sagte sie. Wir haben alle Ausgänge gesichert.
Ich schloss die Augen.
Mein Vater war am Leben.
Aber die Drohung hatte gezeigt, wie nah sie ihm bereits gekommen waren.
Eine Stunde später saßen wir in Rodriks Büro. Miriam hatte die Polizei und die Staatsanwaltschaft verständigt. Rodrik rief seinen Anwalt an, doch der Mann lehnte es ab, ihn zu vertreten.
— Ich kann nicht gleichzeitig den Konzern und Sie beraten, sagte er. Die Bücher betreffen beide Bereiche.
— Dann beraten Sie den Konzern, sagte Rodrik.
— Nein. Ich berate niemanden, der diese Unterlagen verschwinden lässt.
Rodrik legte langsam auf.
Ich betrachtete seine Hände. Sie waren ruhig, aber an seinem rechten Daumen war die Haut eingerissen.
— Sie wussten wirklich nichts davon? fragte ich.
— Ich wusste, dass Nordstern aggressiv arbeitet. Ich wusste nicht, dass Viktor Menschen absichtlich in die Enge treibt.
— Sie besitzen die Firma.
— Ja.
— Dann sind Sie verantwortlich.
Er sah mich direkt an.
— Ja.
Zum ersten Mal versuchte er nicht, sich herauszureden.
Am Nachmittag stellte Miriam den Mitschnitt über Lautsprecher vor mehreren Ermittlern ab. Viktor musste daneben sitzen. Die Tür war verschlossen, ein Aufnahmegerät lag auf dem Tisch.
Seine eigene Stimme erfüllte den Raum.
— Setzen Sie sie auf die Druckliste. Wenn sie ihre Stellen verliert, wird sie irgendwann zu Moretti gehen.
Viktor hörte zu, ohne zu blinzeln.
Als die Aufnahme endete, fragte der Ermittler:
— Haben Sie das gesagt?
— Aus dem Zusammenhang gerissen.
— Welcher Zusammenhang rechtfertigt eine gefälschte Unterschrift?
Viktor schwieg.
Der Ermittler schob ihm die Abschrift hin.
— Lesen Sie die Stelle selbst vor.
— Ich muss gar nichts lesen.
— Doch. Heute schon.
Viktor nahm das Papier. Seine Lippen bewegten sich. Zum ersten Mal hörte er seine Worte nicht als Befehl, sondern als Beweis gegen sich selbst.
Sein Gesicht verlor die Farbe.
Am selben Abend durchsuchten Ermittler die Büroräume von Nordstern. Sie fanden weitere Akten, gefälschte Vollmachten und Listen mit Menschen, die man gezielt unter Druck gesetzt hatte. Viktor wurde vorläufig festgenommen. Zwei leitende Angestellte folgten ihm.
Rodrik blieb im Eingangsbereich stehen.
— Ich werde die Gesellschaft schließen, sagte er.
— Und die Schulden?
— Jede Forderung wird neu geprüft. Wer zu viel gezahlt hat, bekommt sein Geld zurück.
— Auch ich?
— Besonders Sie.
— Ich will keine Sonderbehandlung.
— Das ist keine Sonderbehandlung. Das ist eine Korrektur.
In den folgenden Tagen rief er dutzende Menschen an. Manche legten sofort auf. Manche schrien ihn an. Er blieb am Telefon, bis sie fertig waren.
Eine Woche später erhielt ich die Nachricht, dass mein Vater in seinem Zimmer bleiben durfte. Die Pflegekosten waren neu berechnet worden. Die einbehaltenen Beträge wurden anerkannt.
Als ich seine Wohnung ausräumte, fand ich in meinem alten Kinderzimmer nur noch ein Foto meiner Mutter. Auf der Kommode lag das Messingschild mit dem roten Sonnenstrahl. Ich nahm es in die Hand.
Es war kalt.
Und plötzlich war die Wohnung nicht mehr voller Erinnerungen, sondern leer.
Drei Monate später arbeitete ich in einer Beratungsstelle für Menschen mit medizinischen Schulden. Ich half anderen, Rechnungen zu lesen, die sie früher aus Angst ungeöffnet gelassen hatten.
Mein Vater saß jeden Dienstag am Fenster. Er erkannte mich nicht immer, aber manchmal lächelte er, wenn ich den roten Sonnenstrahl auf das Fensterbrett legte.
— Das ist wichtig, sagte er einmal.
— Ja, Papa.
— Wem gehört es?
Ich sah auf das Schild.
— Jetzt mir.
Im Dezember fiel der erste Schnee. Meine kleine Wohnung roch nach Zimt und nassen Wollmützen. Auf dem Kühlschrank hing eine Zeichnung meiner Nichte Lina. Darauf waren drei Menschen unter einer gelben Sonne zu sehen.
Rodrik hatte seine Firma umgebaut. Keine geheimen Abteilungen mehr. Keine Forderungsgesellschaften ohne Namen. Jede Rechnung musste von zwei unabhängigen Prüfern freigegeben werden.
Er kam nicht zurück in mein Leben, und ich erwartete es auch nicht.
Bis zu jenem Abend.
Ich fand einen Brief unter meiner Tür. Kein schweres Papier, kein Siegel, nur ein handgeschriebener Satz.
Ich würde gern das Essen bezahlen, schrieb er. Wenn du es zulässt.
Ich legte den Brief auf den Küchentisch.
Am nächsten Morgen rief er an.
— Du musst nicht antworten, sagte er.
— Das weiß ich.
— Ich wollte nur sagen, dass ich verstanden habe, was ich dir angetan habe.
— Du hast mir nicht die Stellen genommen.
— Nein. Aber ich habe die Maschine gebaut, in der jemand wie Viktor ungehindert arbeiten konnte.
Ich schwieg.
— Ich kann das nicht rückgängig machen, sagte er.
— Nein.
— Kann ich irgendetwas tun?
Ich blickte zum Fenster. Der Schnee lag auf den Dächern wie eine unberührte Decke.
— Ja.
— Was?
— Hör auf, von mir Vergebung zu erwarten.
Am anderen Ende blieb es still.
— Verstanden, sagte er schließlich.
— Dann sind wir uns einig.
Ich beendete das Gespräch.
Nicht wütend.
Nicht triumphierend.
Nur frei.
Später ging ich zu meinem Vater. Er schlief, eine Hand auf der Decke, die andere neben dem Fensterbrett. Das Messingschild lag dort, wo ich es jeden Dienstag hinlegte.
Der rote Sonnenstrahl fing das Licht der Straßenlaterne ein.
Ich strich mit dem Daumen über das warme Metall und dachte an den hungrigen Jungen, den meine Mutter nie gefürchtet hatte, an den mächtigen Mann, der gelernt hatte, Verantwortung nicht mit Kontrolle zu verwechseln, und an die Frau, die ich selbst geworden war.
Dann löschte ich das Licht.
Der Sonnenstrahl blieb.
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