TEIL 4 — Meine beste Freundin brachte mir täglich ein Mittagessen, doch als ich plötzlich ihre Fragen beantwortete, verschwand ihr Lächeln

TEIL 4

„…“

Der Satz blieb im Raum hängen wie Rauch.

Um neun Uhr achtunddreißig nahm Frau Krüger das Telefon an sich. Marta wollte es zurückholen, doch der Sicherheitsmitarbeiter stellte sich zwischen sie und den Tisch.

„Setzen Sie sich“, sagte er.

„Sie dürfen mein Eigentum nicht einfach nehmen!“

„Wir beschlagnahmen nichts. Wir sichern ein Beweismittel.“

Marta sah zu mir.

„Lucía, bitte. Sag ihnen, dass das ein Missverständnis ist.“

Früher hätte ich genau das getan. Ich hätte ihre Hand genommen, ihre Angst beruhigt und mich selbst davon überzeugt, dass hinter jedem grausamen Verhalten irgendein Schmerz steckte, den ich heilen musste.

Diesmal blieb ich sitzen.

„Nein“, sagte ich.

Nur dieses eine Wort.

Es war klein, aber es beendete eine sechs Monate lange Herrschaft.

Der Anruf bei der Polizei erfolgte um neun Uhr zweiundvierzig. Danach ging alles schnell. Ein Ermittler kam in die Fakultät, nahm den Laborbericht entgegen und ließ die Kameradateien sichern. Der zweite Ermittler fuhr mit Professor Weber zum Wohnheim, um den Schreibtisch, den Schrank und Martas Computer zu untersuchen.

Marta telefonierte währenddessen ununterbrochen.

„Mein Anwalt muss kommen.“

„Rufen Sie ihn an“, sagte Frau Krüger.

„Er wird euch verklagen.“

„Das können Sie später klären.“

Ihr Anwalt erschien um elf Uhr zwanzig in einem dunklen Mantel, mit einem ledernen Aktenkoffer und einem Gesicht, das aussah, als hätte es seit Jahren nicht geschlafen. Er hörte Marta fünf Minuten lang zu, dann nahm er sie beiseite.

„Haben Sie die Klausur aus dem Schrank genommen?“

„Ich wollte nur eine Kopie.“

„Haben Sie die Speisen bestellt?“

„Nicht alle.“

„Haben Sie die Substanz in die Behälter gegeben?“

Marta schwieg.

Der Anwalt schloss den Koffer.

„Ich kann Sie vertreten. Aber ich kann nicht behaupten, dass die Beweise nicht existieren.“

„Sie müssen mich da rausholen!“

„Nein. Sie müssen aufhören, neue Lügen zu erzählen.“

Es war das erste Mal, dass jemand sie nicht beruhigte.

Am Nachmittag wurde eine weitere Person identifiziert: Andrés Molina, ein Verwaltungsmitarbeiter, der Marta gelegentlich Zugang zu Prüfungsunterlagen verschafft hatte. Die unbekannte Nummer gehörte ihm.

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Er hatte ihr nicht nur geholfen. Er hatte sie erpresst.

Auf seinem Rechner fand man Nachrichten, Überweisungen und Aufnahmen aus dem Flur. Marta hatte ihm Geld gegeben, damit er den Ersatzschlüssel liegen ließ und bestimmte Prüfungen aus dem Archiv nahm. Als sie nicht mehr zahlen konnte, drohte er, alles zu veröffentlichen.

Die Wahrheit war nicht plötzlich hässlich geworden.

Sie war nur größer gewesen, als ich gedacht hatte.

Am nächsten Tag mussten Marta und ich im Beisein der Ermittler den Besprechungsraum erneut betreten. Auf dem Tisch stand ein Laptop. Professor Weber hatte eine Tonaufnahme vorbereitet.

Marta hörte zuerst ihre eigene Stimme vom Abend in unserem Wohnheimzimmer.

„Du bist ohne mich nicht so klug, wie du glaubst.“

Dann kam ihre Stimme aus einem Telefongespräch mit Andrés.

„Wenn sie die Prüfung nicht besteht, nimmt ihr niemand ihre Vorwürfe ab. Schreib ihre Formeln einfach genau so ab, wie sie es tut.“

Marta wurde starr.

„Das ist zusammengeschnitten“, flüsterte sie.

„Nein“, sagte der Ermittler. „Die Dateien stammen von Ihrem Telefon und wurden automatisch gesichert.“

Ihre Stimme ertönte weiter.

„Sie wird sich später nicht einmal erinnern, wann sie die Notiz geschrieben hat.“

Ich hatte diesen Satz in meinem ersten Leben gelebt, ohne ihn zu kennen.

Marta hörte ihn jetzt von außen. Aus ihrem eigenen Mund.

Sie setzte sich langsam.

„Ich wollte nicht, dass sie stirbt.“

„Das hat niemand behauptet“, sagte ich.

„Ich wollte nur, dass sie einmal verliert.“

Ich sah sie an.

„Du hast nicht nur meine Prüfung zerstört. Du hast versucht, mir meine Erinnerung wegzunehmen.“

Zum ersten Mal senkte sie den Kopf.

Im Mai erklärte die Universität meine damalige Suspendierung für ungültig. Die Prüfung wurde annulliert, ebenso alle Vorwürfe gegen mich. Marta wurde vom Studium ausgeschlossen; gegen sie und Andrés begann ein Strafverfahren wegen Betrugs, Urkundenfälschung, Diebstahls und gefährlicher Körperverletzung.

Professor Weber bat mich, die Prüfung erneut zu schreiben.

„Sie müssen nicht“, sagte er.

„Doch“, antwortete ich. „Diesmal schreibe ich sie mit klarem Kopf.“

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Ich bestand mit einer der besten Noten des Jahrgangs.

Wichtiger war etwas anderes: Meine Eltern blieben in der Fabrik. Ich erzählte meinem Vater nicht, dass ich seinen möglichen Unfall gesehen hatte. Ich sagte nur, dass er sich rechtzeitig nach einer anderen Stelle umsehen sollte.

Im Juni wurde eine technische Abteilung in Valencia auf ihn aufmerksam. Er nahm die Stelle an. Meine Mutter fand dort eine kleine Praxis, in der sie halbtags arbeiten konnte.

Wir zogen im August um.

Valencia roch nach Salz, heißem Stein und Orangenblüten. Ich begann ein Praktikum in einem Labor für medizinische Signalverarbeitung. Jeden Morgen kaufte ich mir an derselben Ecke Kaffee, stellte den Wecker auf sechs Uhr vierzig und schrieb meine Aufgaben mit einem schwarzen Füller auf Papier, obwohl alle anderen nur noch mit ihren Geräten arbeiteten.

Gewohnheiten können Rettungsringe sein.

Rubio kam mit uns.

Die Universität vermittelte ihm eine Pflegestelle, und am Ende nahmen meine Eltern ihn auf. Er schlief zunächst in einem Korb neben dem Kühlschrank. Wenn ich nach Hause kam, hob er den Kopf und schlug einmal mit dem Schwanz gegen den Boden.

Meine Mutter nannte das seinen Begrüßungsschlag.

Drei Monate später saß ich mit ihr auf dem Balkon. Rubio lag zwischen unseren Füßen. Der Abend war mild, und aus der Nachbarwohnung drang das Lachen eines Kindes.

„Hast du manchmal noch Angst?“, fragte meine Mutter.

Ich sah auf meine Hände.

„Ja.“

„Wovor?“

„Dass ich wieder zu spät merke, was jemand mit mir macht.“

Sie nahm meine Hand.

„Du bist nicht verpflichtet, jeden Menschen rechtzeitig zu durchschauen. Du darfst nur gehen, wenn du dich nicht sicher fühlst.“

Ich musste weinen, aber diesmal fühlte es sich nicht wie Zusammenbrechen an.

Es fühlte sich an wie Luft.

Im November erhielt ich eine Nachricht von Marta. Sie schrieb aus einer Untersuchungshaftanstalt. Ihr Verfahren war noch nicht abgeschlossen, doch ihre Familie hatte offenbar einen Vergleich angeboten. Die Nachricht war lang. Sie entschuldigte sich, erklärte ihre Eifersucht und schrieb, sie habe jeden Tag an unsere gemeinsame Zeit gedacht.

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Am Ende stand: „Wenn du mich wirklich gekannt hast, gibst du mir noch eine Chance.“

Ich las den Satz zweimal.

Dann antwortete ich nur: „Ich wünsche dir, dass du Verantwortung übernimmst. Aber ich komme nicht zurück.“

Ich löschte die Nachricht nicht sofort. Ich ließ sie einen Tag liegen, bevor ich sie archivierte.

Das war genug.

Im folgenden Frühjahr fand ich in meiner Schreibtischschublade den kleinen silbernen Lokomotivanhänger meines Vaters. Der Haken war verbogen, und das Metall war an einer Stelle dunkel geworden. Ich befestigte ihn an meinem neuen Rucksack.

Als ich am nächsten Morgen durch die Straßen ging, schlug die winzige Lokomotive bei jedem Schritt leise gegen den Stoff.

Ich blieb vor dem Labor stehen und hörte diesen Ton.

Nicht laut.

Nicht heroisch.

Aber echt.

Hinter mir bellte Rubio, der auf dem Gehweg auf mich gewartet hatte. Ich drehte mich um, ging zu ihm und legte ihm die Hand auf den Kopf.

Dann gingen wir gemeinsam weiter.

Die Lokomotive klopfte gegen den Rucksack.

Diesmal bestimmte niemand außer mir die Richtung.

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