TEIL 4
…in dem er das Haus als Sicherheit für einen Kredit angegeben hatte.
Andrei wurde so still, dass ich zuerst dachte, er hätte die Worte nicht verstanden.
Dann sprang er auf.
— Das ist nicht möglich.
Herr Seidel schob ihm eine Kopie entgegen.
— Ihre Unterschrift steht hier.
— Ich habe keinen Kredit aufgenommen.
— Doch, sagte der Notar. Vor drei Monaten. Vierundzwanzigtausend Euro.
Marina wich zur Wand zurück.
— Andrei, was hast du getan?
Er sah mich an, nicht den Notar.
— Ich wollte das Geld zurückzahlen.
Ich spürte, wie etwas in mir kalt wurde. Nicht plötzlich. Eher wie ein Fenster, das sich langsam öffnete.
— Welches Geld?
Er antwortete nicht.
Herr Seidel nahm eine weitere Mappe aus der Schublade.
— Frau Galina hat sämtliche Kontoauszüge kopiert. Die Abhebungen begannen vor elf Monaten. Immer am ersten Montag des Monats. Jeweils zweihundert bis fünfhundert Euro.
— Für Lukas, sagte Andrei.
— Ich habe nie etwas davon gesehen.
— Für Rechnungen.
— Ich habe alle Rechnungen bezahlt.
Seine Lippen bewegten sich, aber es kam kein Ton heraus.
Marina flüsterte:
— Du hast Mutter bestohlen?
Andrei fuhr herum.
— Du hast mich doch dazu gebracht! Du hast gesagt, wir müssten etwas sichern, bevor Elena alles bekommt.
Herr Kroll, der Anwalt, stand noch immer bei der Tür. Jetzt schloss er langsam seinen Hefter.
— Ich vertrete Sie nicht mehr, sagte er.
— Was?
— Ich wurde von Ihnen beauftragt, eine Vollmacht einzureichen. Von einer Fälschung wusste ich nichts. Sobald ich die Aufzeichnung gehört habe, muss ich das Mandat beenden.
— Sie können mich nicht einfach allein lassen.
— Doch. Und ich rate Ihnen, ab jetzt kein Wort mehr ohne Rechtsbeistand zu sagen.
Andrei lachte trocken. Es klang wie ein Geräusch aus einem leeren Raum.
— Alle sind gegen mich.
— Nein, sagte ich. Du bist nur zum ersten Mal allein mit deinen Entscheidungen.
Am selben Abend kamen zwei Ermittler in unser Haus. Die Küche sah noch genauso aus wie in der Nacht zuvor. Der Wasserkocher stand am Fenster. Galinas Medikamentenglas war leer. Auf dem Tisch lag die Metallkassette, deren Sonnenblumenmuster im Lampenlicht wie kleine Narben wirkten.
Eine Ermittlerin spielte die Tonaufnahme ab.
Andrei musste neben ihr sitzen.
Aus dem Lautsprecher kam seine eigene Stimme, aufgenommen drei Wochen zuvor in Galinas Zimmer:
— Unterschreib einfach hier, Mama. Es geht nur um die Stromrechnung. Elena wird nichts merken.
Dann Galinas schwaches Atmen.
— Ich weiß, was du tust, Andrei.
— Du bist verwirrt.
— Nein. Ich bin nur alt.
Die Aufnahme endete.
Andrei starrte auf das Gerät. Er hatte die Hände zwischen die Knie geklemmt, als könnte er dadurch verhindern, dass sie zitterten.
— Ich habe das nicht so gemeint, sagte er.
Die Ermittlerin sah ihn an.
— Sie hören sich selbst.
— Ich wollte meine Familie retten.
— Sie haben Ihre Mutter getäuscht und das Haus belastet.
— Ich hatte Schulden.
Ich ging aus dem Zimmer. Nicht, weil ich ihn nicht hören konnte, sondern weil ich ihn zu gut hörte.
Im oberen Stock stand die Tür zu Galinas Zimmer offen. Das Bett war abgezogen. Ihre Lesebrille lag noch auf der Fensterbank. Auf dem Heizkörper hing ein einzelner Wollsocken, den ich nicht mehr hatte wegräumen können.
Ich nahm ihn in die Hand und setzte mich auf die Bettkante.
Zwölf Jahre lang hatte ich geglaubt, dass Pflege uns irgendwie verbinden würde. Dass die anderen eines Tages verstehen würden, was diese Jahre bedeutet hatten.
Galina hatte es verstanden.
Das musste reichen.
Die Ermittlungen dauerten sechs Wochen. Marina gab zu, dass sie mit dem fremden Mann beim Grundbuchamt gewesen war. Sie behauptete, sie habe nur verhindern wollen, dass Andrei alles verkaufte. Der Mann war ein Makler, der von dem Grundstück erfahren hatte und ihr eine hohe Vermittlungszahlung versprochen hatte.
Andrei unterschrieb ein Schuldanerkenntnis. Die Bank löste die Belastung des Hauses auf, nachdem das Testament und die gefälschte Vollmacht geprüft worden waren. Das Geld, das er genommen hatte, musste er in monatlichen Raten zurückzahlen.
Ich beantragte keine Haftstrafe.
Nicht aus Mitleid.
Ich wollte nur, dass endlich niemand mehr sagen konnte, Galina habe sich geirrt.
Unser Haus verkaufte ich nicht. Das kleine Gebäude auf dem Land lag hinter einer Reihe alter Birnbäume. Die Fenster klemmten, im Flur roch es nach Holz und Staub, und auf der Veranda stand noch Galinas emaillierter Wassereimer.
Im Frühjahr zog ich mit Lukas dorthin.
Andrei blieb in der Stadt. Er rief am Anfang jeden Abend an.
— Elena, bitte. Wir können das klären.
— Wir haben es geklärt.
— Ich war verzweifelt.
— Das erklärt deine Entscheidungen. Es macht sie nicht ungeschehen.
Nach drei Wochen rief er nicht mehr an.
Am ersten Sonntag im April saß Lukas auf dem Küchenboden und malte einen roten Drachen auf ein Stück Packpapier. Durch das offene Fenster kam der Duft von nasser Erde herein.
— Mama, darf ich den großen Raum als Werkstatt benutzen?
— Natürlich.
— Und wird Oma Galina hier bleiben?
Ich sah zum Fenster. Auf dem Sims stand ihr Ring in einer kleinen Holzschale. Ich trug ihn nicht. Er war zu wertvoll, um ihn jeden Tag an meiner Hand zu spüren, und zu kostbar, um ihn in einer Schublade verschwinden zu lassen.
— Sie ist schon hier, sagte ich.
Lukas legte den Kopf schief.
— Wo?
— In allem, was wir nicht wegwerfen.
Er verstand es nicht ganz. Aber er lächelte.
Im Mai begann ich, im Dorf eine kleine Pflegestelle für ältere Menschen zu organisieren. Keine große Einrichtung. Nur ein heller Raum neben der Bücherei, warme Mahlzeiten, Fahrten zum Arzt und jemand, der blieb, wenn die Nacht zu lang wurde.
Am ersten Tag stellte ich Galinas alte Teekanne auf den Tisch.
Sie hatte am Henkel einen Sprung.
Ich reparierte ihn nicht.
Im Juni kam ein Brief von Andrei. Er bat um ein Treffen. Ich öffnete ihn erst zwei Tage später.
„Ich habe verstanden, was ich verloren habe“, schrieb er. „Bitte lass mich wenigstens einmal mit dir sprechen.“
Ich ging mit dem Brief zur Veranda. Hinter dem Haus bewegten sich die Birnbaumblätter im Wind.
Lukas spielte im Gras. Sein roter Drache hing an einer Schnur zwischen zwei Pfosten und schwankte über dem Garten.
Ich schrieb Andrei eine Antwort.
„Du darfst Galina besuchen, wenn du dich verabschieden möchtest. Aber du kommst nicht zurück, um mein Leben wieder zu bekommen.“
Mehr schrieb ich nicht.
Am Abend legte ich den Brief neben die Holzschale mit dem Ring. Dann nahm ich das alte Kissen aus dem Schrank.
Ich hatte die zerrissene Hülle nicht weggeworfen. Den roten Faden hatte ich entfernt und in ein kleines Glas gelegt. Nicht, weil er etwas Magisches war. Sondern weil meine Hände sich noch daran erinnerten, wie oft ich diese Naht geschlossen hatte, während im Nebenzimmer jemand nach mir rief.
Ich nähte das Kissen neu. Diesmal mit kräftigem gelbem Garn.
Lukas kam in die Küche.
— Für wen ist das?
— Für mich.
— Warum sieht es jetzt anders aus?
Ich strich über die neue Naht.
— Weil ich nicht mehr dieselbe bin.
In dieser Nacht schlief ich zum ersten Mal seit zwölf Jahren durch.
Am Morgen fiel der erste Schnee des Winters, obwohl der Kalender noch Herbst zeigte. Kleine weiße Flocken landeten auf der Veranda, auf dem Wassereimer und auf dem gelben Garn des reparierten Kissens.
Ich nahm den Ring aus der Schale und schloss die Metallkassette damit ab. Dann legte ich ihn zurück.
Nicht als Beweis dafür, was Galina mir hinterlassen hatte.
Sondern als Erinnerung daran, dass Liebe nicht bedeutet, sich selbst zu verlieren.
Draußen rief Lukas nach mir. Ich öffnete die Tür und trat in den Schnee.
Hinter mir blieb das Kissen auf dem Stuhl liegen, fest vernäht und warm.
Zum ersten Mal wartete niemand auf mich, den ich retten musste.
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