TEIL 4 — Ich sollte Matteo Romanos Verabredung vertreiben, doch als ich ihn vor allen berührte, verschwand das Lächeln seiner Großmutter

TEIL 4

Für drei Sekunden sagte niemand etwas.

Dann begann im Dunkeln ein Telefon zu klingeln.

Nicht Matteos Gerät.

Das kleine Tonbandgerät auf dem Tisch.

Ein altes, mechanisches Klingeln, schrill und unpassend in dem stillen Raum.

Bianca wich zur Tür zurück.

— Das ist nicht möglich.

Elena tastete nach dem Kaminrand.

— Matteo, schließ alle Türen.

— Luca, sagte Matteo, — bring die Männer in den Nordflur. Niemand kommt herein.

— Und Clare?

Matteo sah mich an.

— Sie bleibt bei mir.

— Nein, sagte ich. — Ich bleibe dort, wo ich selbst entscheide.

Das Licht der Notbeleuchtung sprang an. Es war schwach und gelb, aber ich konnte wieder seine Hände sehen. Matteo hatte die Fäuste geballt. An seinem rechten Knöchel öffnete sich eine alte Narbe.

Das Tonbandgerät klingelte weiter.

Ich nahm den Hörer ab, der mit einem dünnen Kabel daran befestigt war.

Zuerst hörte ich nur Rauschen.

Dann eine Frauenstimme.

Leise. Atemlos. Vertraut, obwohl ich sie seit meiner Kindheit nur aus einem einzigen brüchigen Gedächtnisfetzen kannte.

— Wenn Clare das hört, bin ich nicht mehr da.

Meine Knie wurden weich.

Matteo machte einen Schritt auf mich zu.

— Hör weiter.

— Clare, du wurdest nicht verlassen. Du wurdest versteckt. Dein Vater wollte dich finden, weil du die einzige Person bist, auf deren Namen die letzte Beweiskassette registriert wurde. Ich habe sie nicht bei mir. Ich habe sie dort gelassen, wo du deine ersten Jahre verbracht hast.

Ich presste die Hand gegen meinen Mund.

Das Waisenhaus.

— Vertraue keinem Romano, sagte die Stimme. — Nicht einmal dem Mann, der behauptet, dich schützen zu wollen. Besonders nicht ihm.

Das Band knackte.

Dann kam der Satz, der Matteo jede Farbe aus dem Gesicht nahm.

— Dein Vater hat den Brand befohlen, bei dem Mara starb. Matteo wusste davon. Er war damals neunzehn und hat geschwiegen.

Das Band endete.

Niemand bewegte sich.

Ich sah Matteo an.

— Ist das wahr?

Er schloss die Augen.

— Ja.

Ein einziges Wort.

Es traf mich schlimmer als alles andere.

— Du wusstest, dass mein Vater meine Mutter getötet hat?

— Ich wusste, dass er den Brand angeordnet hatte. Ich wusste nicht, ob Mara darin war. Ich war neunzehn. Ich war feige. Ich dachte, ich könnte dich später schützen, wenn ich nur genug Macht hätte.

— Und deshalb hast du mich beobachtet?

— Deshalb.

— Nein. Du hast mich beobachtet, weil du deine Schuld nicht ertragen konntest.

Er widersprach nicht.

Elena griff nach meiner Hand.

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— Clare, du musst jetzt gehen. Der Wagen draußen gehört nicht zu uns.

Von der Eingangshalle kam ein dumpfer Schlag.

Dann noch einer.

Jemand versuchte, die Tür aufzubrechen.

Matteo zog eine Waffe aus dem Rückenholster, hielt sie aber tief und weit von mir entfernt.

— Luca, wie viele?

Die Antwort kam aus dem Flur.

— Mindestens sechs. Und sie haben Sprengstoff.

Bianca begann zu weinen.

— Ich will hier raus.

— Dann bleib hinter Elena, sagte ich.

Matteo sah mich an.

— Der Schlüssel führt zum Waisenhaus. Im Keller gibt es ein Archiv. Wenn die Kassette dort liegt, beweist sie alles gegen meinen Vater.

— Du kommst mit.

— Ich muss meine Familie aufhalten.

— Nein. Du musst aufhören, für alle anderen zu entscheiden.

Ein weiterer Schlag ließ Staub aus der Decke rieseln.

Matteo senkte die Waffe.

— Was willst du von mir?

Ich dachte an seine Hand auf meinem Arm, an den Umschlag, an den Wein auf meiner Bluse und an das Gesicht meiner Mutter, das ich nie wirklich gekannt hatte.

— Die Wahrheit. Und danach Abstand.

Er nickte.

Wir flohen durch den Versorgungstunnel unter der Küche. Der Boden war feucht, die Luft roch nach Erde, und über uns dröhnten Schritte. Luca führte uns mit einer Taschenlampe durch einen niedrigen Gang. Am Ende wartete ein Lieferwagen.

Matteo blieb zurück.

— Steig ein, Clare.

— Kommst du?

— Sobald ich kann.

— Das hast du schon einmal gesagt.

Er sah mich lange an.

— Diesmal werde ich es beweisen.

Ich stieg nicht ein.

Ich blieb, bis er mit Luca in die Dunkelheit zurückging.

Dann fuhren wir zum Waisenhaus.

Es lag am Rand der Stadt, zwischen kahlen Bäumen und einem aufgeweichten Fußballplatz. Der Hausmeister öffnete uns kurz nach Mitternacht, nachdem Elena ihm ihren Namen genannt hatte. Im Keller roch es nach feuchtem Stein und Waschmittel.

Der rote Schlüssel passte zu einem Metallschrank.

Darin lag eine Kassette.

Und ein Brief.

Die Kassette enthielt Aufnahmen von meinem Vater, von Zahlungen, Namen und Befehlen. Der Brief war von Mara.

„Wenn du das liest, bist du alt genug, um zu wissen, dass Liebe manchmal bedeutet, jemanden loszulassen, bevor er überhaupt weiß, dass man ihn festhält.“

Ich las den Satz dreimal.

Dann weinte ich zum ersten Mal seit neunzehn Jahren um eine Mutter, die mich nicht freiwillig verlassen hatte.

Am nächsten Morgen rief Matteo an.

— Mein Vater wurde festgenommen, sagte er. — Die Männer sind in Gewahrsam. Elena hat den Anwälten alle Unterlagen übergeben.

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— Und du?

— Ich habe ausgesagt.

— Gegen ihn?

— Gegen mich selbst eingeschlossen.

Seine Stimme war rau.

— Mein Anwalt sagt, ich soll schweigen. Ich werde ihm nicht mehr folgen.

Drei Tage später sollte ich Matteo in einem Lagerhaus wiedersehen. Dort war eine Kamera installiert, und die Polizei hatte die Aussagen aufgezeichnet. Matteo saß an einem Tisch, ohne seine Waffe, ohne seine Männer, ohne den Anzug, der ihn immer größer gemacht hatte.

Ein Ermittler spielte die Aufnahme aus dem Restaurant ab.

Meine eigene Stimme erklang aus dem Lautsprecher:

— Zahl mich aus und lass mich gehen.

Dann Matteos Stimme:

— Clare.

Die Aufnahme lief weiter. Jeder hörte, wie er mich angelogen hatte. Wie er sagte, er wolle mich schützen. Wie er schwieg, als seine Großmutter die Wahrheit über Mara aussprach.

Matteo hörte sich selbst zu.

Seine Schultern sanken.

— Ich dachte, wenn ich alles kontrolliere, kann niemand mehr verletzt werden, sagte er.

Der Ermittler schaltete die Aufnahme aus.

— Sie haben Menschen verletzt, Romano.

— Ich weiß.

Zum ersten Mal hörte er seine eigenen Worte von außen.

Und zum ersten Mal konnte er nicht davor fliehen.

Sein Vater wurde wegen Mordes, Erpressung und Geldwäsche angeklagt. Mehrere Männer aus dem Familienunternehmen sagten aus. Matteo bekam eine Bewährungsstrafe für seine Beteiligung an den illegalen Geschäften und musste die Vermögenswerte offenlegen, die er jahrelang verborgen hatte.

Er verlor das Restaurant.

Er verlor die Villa.

Er verlor den Namen, vor dem alle Angst gehabt hatten.

Ich empfand keine Freude darüber.

Nur Ruhe.

Eine Woche später stand ich in meinem alten Zimmer im Waisenhaus. Die Wände waren frisch gestrichen worden, aber der Metallschrank war noch da. Auf dem Fensterbrett lag die kleine Messingbiene mit dem fehlenden Flügel. Ich hatte sie von meiner Bluse genommen und dort abgelegt.

Das Zimmer war leer.

Doch zum ersten Mal fühlte es sich nicht wie ein Ort an, an dem man mich zurückgelassen hatte.

Es fühlte sich an wie ein Ort, von dem ich fortgehen durfte.

Sechs Wochen später zog ich nach Freiburg. Ich fand Arbeit in einer Beratungsstelle für Frauen, die vor ihren Familien flohen. Jeden Morgen kochte ich Kaffee in einer roten Kanne, die beim Ausgießen pfiff. Auf meinem Schreibtisch lag ein Notizbuch mit abgerissenen Ecken.

Ich lernte, Türen abzuschließen, ohne jedes Geräusch dahinter zu fürchten.

Ich lernte, nicht sofort zu antworten, wenn jemand meinen Namen sagte.

Und ich lernte, dass ein ruhiger Tag kein Zeichen dafür war, dass gleich etwas Schlimmes passieren musste.

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Im Dezember fiel der erste Schnee.

Meine Nachbarin brachte ihren sechsjährigen Sohn Emil mit, weil sie zum Arzt musste. Emil malte am Küchentisch ein Haus mit gelben Fenstern. Neben das Haus zeichnete er eine winzige Biene.

— Die fliegt nach Hause, erklärte er.

— Bienen finden immer zurück?

— Wenn jemand das Fenster offen lässt.

Ich musste lächeln.

An diesem Abend kam eine Nachricht von Matteo.

„Ich habe die Wohnung in Neapel verkauft. Das Geld geht an die Familien, die mein Vater geschädigt hat. Ich habe nichts mehr, was ich dir anbieten kann. Nur eine Entschuldigung, falls du sie irgendwann hören möchtest.“

Darunter stand keine Forderung.

Keine Bitte.

Nur ein Satz:

„Ich werde nicht wieder vor deiner Tür stehen.“

Ich las die Nachricht lange.

Dann schrieb ich zurück:

„Das ist das Erste, was du für mich getan hast, ohne etwas dafür zu verlangen. Bitte halte dich daran.“

Ich löschte seine Nummer nicht.

Aber ich wartete auch nicht auf eine Antwort.

Am nächsten Morgen nahm ich die Messingbiene vom Fensterbrett und befestigte sie an meinem neuen Mantel. Der fehlende Flügel machte sie nicht weniger schön. Er zeigte nur, dass sie etwas überstanden hatte.

Vor der Beratungsstelle blieb ich stehen. Schnee sammelte sich auf meinen Schultern. In den Fenstern spiegelte sich mein Gesicht, und für einen Moment sah ich darin nicht das Mädchen aus dem Waisenhaus und nicht die Frau, die für einen Mafiaerben eine Freundin gespielt hatte.

Ich sah Clare.

Nur Clare.

Ich öffnete die Tür und ging hinein.

Die kleine Biene glänzte im Morgenlicht.

Diesmal gehörte ich mir selbst.

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