TEIL 4
Ich starrte auf das Foto, bis die Buchstaben verschwammen.
Der Zettel lag seit vierzehn Jahren nicht mehr in meiner Hand, aber ich erkannte jede Linie. Ich hatte ihn damals vom Küchentisch genommen, nachdem Dmitri verschwunden war. Später hatte ich ihn in eine Schublade gelegt und irgendwann weggeworfen.
Dachte ich.
„Wer schreibt dir?“ fragte Maxim.
„Ich weiß es nicht.“
Dmitri hatte den Ausdruck meines Gesichts bemerkt.
„Was ist das?“
Ich drehte das Telefon um.
„Das geht dich nichts an.“
Er machte einen Schritt auf mich zu.
„Wenn es mit mir zu tun hat, geht es mich sehr wohl etwas an.“
„Du hattest vierzehn Jahre Zeit, dich um Dinge zu kümmern, die dich etwas angehen.“
Zum ersten Mal senkte er den Blick.
Dann klingelte sein Telefon erneut.
Er nahm ab.
„Ja?“
Seine Gesichtszüge verhärteten sich.
„Nein. Das können Sie nicht machen.“
Er hörte zu.
„Ich habe Ihnen gesagt, dass mein Sohn nicht öffentlich auftreten wird.“
Maxim sah mich an.
Dmitri wurde plötzlich wütend.
„Er ist mein Sohn, und ich entscheide, was mit seinem Namen geschieht!“
Die Worte hingen über dem leeren Spielfeld.
Er selbst hatte sie gesagt. Nicht ein Anwalt. Nicht ein Gegner. Er.
Maxim ging zum Mischpult und spielte die Aufnahme noch einmal ab. Die Zuschauer waren inzwischen fast alle gegangen, aber der Trainer, die Schulberaterin und zwei Vertreter des Vereins standen noch dort.
Dmitris Stimme erklang aus den Lautsprechern.
„Er ist mein Sohn, und ich entscheide, was mit seinem Namen geschieht.“
Dmitri stand wenige Meter entfernt und hörte sich selbst zu.
„Nein“, sagte er.
Die Aufnahme lief weiter.
„Dieser Andreas muss verstehen, dass seine Zeit vorbei ist.“
Dmitri schloss die Augen.
Ich sah, wie er plötzlich kleiner wirkte. Nicht älter. Nur kleiner.
Sein Anwalt kam zwanzig Minuten später mit einer dunklen Ledermappe. Er war ein schlanker Mann mit silbernem Haar und einem Mund, der aussah, als hätte er das Lächeln vor Jahren aufgegeben.
„Herr Petrow“, sagte er, „ich habe die Unterlagen gesehen.“
„Dann holen Sie mich hier heraus.“
„Das kann ich nicht.“
„Sie werden dafür bezahlt.“
„Nicht dafür, eine Drohung als Familienangelegenheit zu tarnen.“
Dmitri schüttelte den Kopf.
„Sie verstehen nicht, was auf dem Spiel steht.“
„Doch. Ihr Unternehmen, Ihr Ruf und die Tatsache, dass Sie einen jungen Mann benutzen wollten, um alles zu retten.“
Dmitri drehte sich zu Maxim.
„Du hast ihn angerufen?“
„Nein“, sagte Maxim. „Aber ich habe die Unterlagen nicht allein gefunden.“
Die Tür zum Vereinsraum öffnete sich. Eine Frau trat ein, ungefähr fünfzig Jahre alt, mit einem alten Aktenordner unter dem Arm.
Ich kannte sie nicht.
Sie blieb vor Dmitri stehen.
„Mein Name ist Elena. Ich war Oksanas ältere Schwester.“
Dmitri wurde starr.
„Oksana hatte keine Schwester.“
„Sie hatte eine. Du hast nur nie nach ihr gefragt.“
Elena legte den Ordner auf den Tisch. Das Leder war an den Ecken rissig. Auf dem Deckel klebte noch ein verblasster Aufkleber mit einem Kinderbild.
„Oksana hat mir vor ihrem Tod eine Nachricht geschickt. Sie wusste, dass sie krank war. Sie hatte Angst, dass dir die Verantwortung zu viel werden könnte.“
Maxim hielt den Atem an.
„Was steht darin?“
Elena sah ihn an.
„Dass sie dir vertraute, Andreas. Nicht Dmitri.“
Ich konnte mich nicht bewegen.
Elena öffnete den Ordner und zog einen Brief heraus.
„Sie schrieb: Wenn Andreas bleibt, soll Maxim bei ihm sein. Er wird nicht reich sein, aber er wird ihn niemals als Last betrachten.“
Dmitri wich zurück.
„Das ist erfunden.“
„Die Nachricht wurde vor ihrem Tod an mich und an Nathalie geschickt“, sagte Elena. „Die Anwältin hat die Kopie bestätigt.“
Ich dachte an Oksanas Stimme, an ihren schiefen Humor und daran, wie sie mich einmal beim Reparieren eines alten Fahrrads ausgelacht hatte. Ich hatte nicht gewusst, dass sie solche Angst gehabt hatte.
Maxim nahm den Brief nicht. Er sah nur auf die Handschrift seiner Mutter.
„Warum hast du ihn mir nie gezeigt?“ fragte er.
Elena schluckte.
„Weil du vier warst. Und weil Andreas dich schützen wollte.“
Ich nickte langsam.
„Ich wollte nicht, dass du dein Leben lang glaubst, du müsstest zwischen uns wählen.“
Maxim kam zu mir und umarmte mich. Er war größer als ich, aber in diesem Moment legte er den Kopf an meine Schulter wie damals mit sechs Jahren.
Dmitri stand daneben.
Niemand hielt ihn zurück, als er ging.
Am nächsten Morgen rief er siebenmal an.
Beim dritten Anruf stellte ich das Telefon stumm.
Beim siebten schrieb er: Wir müssen reden. Ich kann alles erklären.
Nathalie kümmerte sich um die rechtlichen Schritte. Die Universität setzte den Vertrag wieder ein, diesmal ohne Dmitris Namen und ohne Bedingungen. Der Vorstand seines Unternehmens erhielt die Unterlagen. Sein Anwalt kündigte die Zusammenarbeit.
Dmitri versuchte noch einmal, die Kontrolle zu gewinnen.
Er ließ eine öffentliche Erklärung veröffentlichen, in der er von einem „privaten Missverständnis“ sprach. Doch der Verein stellte die vollständige Aufnahme nicht ins Netz. Er musste es nicht. Die wichtigsten Menschen hatten sie gehört.
Wenige Wochen später verlor Dmitri seinen Posten im Unternehmen.
Ich empfand keine Freude dabei.
Nur Ruhe.
Eines Abends kam Maxim in meine Werkstatt. Es war kurz nach sechs, und ich hatte gerade Öl von meinen Händen gewaschen. Der rote Schal hing noch immer über dem Heizkörper. Die schiefe Sieben war fast vollständig aufgegangen.
„Ich habe Post von ihm bekommen“, sagte Maxim.
„Willst du sie öffnen?“
„Nein.“
„Willst du, dass ich sie öffne?“
Er schüttelte den Kopf.
„Ich will, dass sie dort bleibt, wo sie ist.“
Er legte den Umschlag auf die Werkbank.
„Bin ich ein schlechter Mensch, wenn ich nicht antworte?“
Ich trocknete meine Hände an einem alten Baumwolltuch.
„Nein. Du bist ein Mensch, der seine Grenze kennt.“
Maxim sah auf den Schal.
„Glaubst du, Mama wäre stolz auf mich?“
„Sie wäre stolz darauf, dass du die Wahrheit gesucht hast.“
„Und auf dich?“
Ich lächelte müde.
„Das musst du sie selbst fragen.“
„Dann frage ich dich.“
Draußen begann es zu schneien. Die ersten Flocken klebten an der Werkstattscheibe und schmolzen zu kleinen, durchsichtigen Spuren.
„Ja“, sagte ich. „Sie wäre stolz auf uns beide.“
Drei Monate später zog Maxim in die Universitätsstadt. In seinem neuen Zimmer standen zwei Kisten mit Werkzeug, ein Fußball und ein gerahmtes Mannschaftsfoto. Über dem Schreibtisch hing kein Bild von Dmitri.
Dort hing ein Kinderbild aus Wachsmalstiften. Darauf waren zwei Figuren zu sehen, eine große und eine kleine. Zwischen ihnen lag ein roter Schal mit einer krummen Sieben.
Unter dem Bild stand: Mein Papa bleibt.
Ich arbeitete weiterhin in der Werkstatt. Ich begann morgens früher und schloss abends später, aber jeden Sonntag rief Maxim an. Manchmal erzählte er vom Training, manchmal von seinen Mitbewohnern, und manchmal schwiegen wir einfach gemeinsam.
Der Umschlag von Dmitri blieb ungeöffnet.
An einem kalten Dezembermorgen lag noch eine Nachricht auf meinem Telefon.
Ich habe verstanden, dass ich zu spät bin. Bitte lass mich wenigstens einmal deinen Vater nennen.
Ich las sie zweimal.
Dann schrieb ich: Du darfst mich nennen, wie du willst. Aber ich werde nicht mehr dafür sorgen, dass du dich wie ein Vater fühlst.
Ich löschte die Nachricht nicht. Ich schickte sie ab.
Danach legte ich das Telefon weg und ging zur Werkstatt hinaus.
Der rote Schal lag noch immer über dem Heizkörper. Die schiefe Sieben hing nur noch an zwei Fäden. Ich nahm Nadel und Garn und befestigte sie vorsichtig, nicht damit die Vergangenheit schöner aussah, sondern damit sie blieb, wie sie gewesen war.
Unvollkommen.
Aber echt.
Als ich die Werkstatttür öffnete, fiel Schnee auf den roten Stoff.
Und zum ersten Mal musste ich niemanden mehr festhalten.
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